Wissen Organspenden 19.05.2019

Forscher regenerieren Schweineherzen: Hilfe bei geschädigten Spenderlungen?

Der Mangel an Organspenden ist ein großes Problem. Einen möglichen medizinischen Ausweg haben US-Forscher geprüft. Der Wert für die klinische Praxis sei allerdings

begrenzt, gibt ein Experte zu bedenken.

New York

Mit dem Ziel, die Zahl verfügbarer Spenderlungen zu erhöhen, haben Wissenschaftler ein Verfahren zur schnellen Lungenregeneration entwickelt. Dabei wird das Organ außerhalb des Körpers therapiert, um es in einen Zustand zu bringen, in dem es für die Transplantation geeignet ist. „Bemerkenswerterweise werden bis zu 80 Prozent der gespendeten Lungen nicht verwendet, häufig als Folge einer Verletzung zum Zeitpunkt des Todes“, erläutern die Forscher um Matthew Bacchetta von der Vanderbilt University in Nashville (Tennessee/USA) in der Fachzeitschrift „Nature Communications“.

Eine Ursache für Verletzungen ist das Verschlucken von Erbrochenem, das durch den hohen Säuregehalt die Luftwege der Lunge verätzt. Bacchetta und Kollegen entwickelten und testeten eine Methode, um solche Verletzungen schnell zu kurieren und die Lunge in einen transplantationsfähigen Zustand zu versetzen.

Schon nach 18 Stunden hatte sich die Lunge erholt

Die Forscher verwendeten Schweine als Modellorganismen. Sie platzierten Mageninhalt mit einem pH-Wert von 2 (sehr sauer) in einen Lungenflügel. Nach sechs Stunden entnahmen sie die komplette Lunge und schlossen den Blutkreislauf über Kanülen außerhalb des Körpers an ein zweites Schwein an („Cross Circulation“). Dann wurde die Lunge künstlich beatmet und die Wissenschaftler führten therapeutische Maßnahmen durch: Sie spülten innerhalb von 15 Minuten dreimal die Luftwege der Lunge. Dann ersetzten sie den oberflächenaktiven Stoff (Surfactant). Schließlich ergriffen sie Maßnahmen, um möglichst viele Lungenbläschen zu reaktivieren.

Während der Prozedur und des Heilungsprozesses maßen die Forscher zahlreiche biologische Funktionen, zum Teil über Biomarker. Schon nach 18 Stunden hatte sich die Lunge gut erholt. Nach 36 Stunden war der verletzte Lungenflügel zwar noch nicht wieder komplett regeneriert, doch waren die Werte so gut, dass die Lunge hätte transplantiert werden können. Die Forscher testeten ihr Verfahren an insgesamt acht Schweinen. Außerdem zeigten sie, dass der Heilungsprozess mit einer weiterentwickelten Thermografietechnik gut überwacht werden kann.

Methode in der Praxis ungeeignet?

Als Einschränkung ihrer Studie geben die Forscher an, dass nur eine von vielen Verletzungsarten getestet wurde und auch nur an einem Lungenflügel. Auch müssten in weiteren Studien die Auswirkungen der Immunsuppression – der Unterdrückung des Immunsystems zur Verringerung der Abstoßungsreaktion – untersucht werden. Jedes Jahr stürben Tausende Patienten, während sie auf geeignete Organe für die Transplantation warteten, schreiben die Forscher. „Die Wiederherstellung eines ungeeigneten Organs kann ihre einzige Chance für eine Transplantation und ein Überleben darstellen.“

Für grundsätzlich gut gemacht hält Gregor Warnecke von der Medizinischen Hochschule Hannover die Studie, an der er nicht beteiligt war. Ihm gefällt der Ansatz, dass im Tiermodell genau definierte Schäden zugefügt wurden, um exakte Messungen des Therapie- und Heilungsprozesses vornehmen zu können. Allerdings hält er die Behandlung der Lunge außerhalb des Körpers in der „Cross Circulation“ für veraltet: „Seit es Herz-Lungen-Maschinen und auch spezielle Organperfusionsmaschinen gibt, ist diese Methode eigentlich obsolet und beim Menschen auch im Grunde undurchführbar.“

Warnecke, der auch stellvertretender Vorsitzender der Kommission Herz/Lunge bei der Deutschen Transplantationsgesellschaft ist, sieht den Wert der Studie für die klinische Praxis als recht begrenzt an.

Von RND/dpa

 

Politik

Bundestag will Anfang Juni über Organspende beraten

Donnerstag, 16. Mai 2019

Berlin – Über eine Reform der Organspende will das Parlament in der ersten Juni­woche beraten. Das kündigte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauter­bach heute vor der Presse an. Zur Debatte stehen zwei Vorschläge, mit denen die derzeitige Situation des Mangels an Spenderorganen verbessert werden soll.

Der am 1. April von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) und Lauterbach sowie weiteren Abgeordneten vorgelegte Entwurf eines „Gesetzes zur Regelung der doppelten Widerspruchslösung im Transplantationsgesetz“ sieht im Kern vor, dass jeder volljährige Mensch in Deutschland automatisch als Organspender gilt – es sei denn, er hat dem widersprochen.

Seit dem 6. Mai liegt zudem ein Alternativvorschlag einer Gruppe von Bundestagsab­geordneten aus Union, SPD, FDP, Linken und Grünen um die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock vor. Ihr Entwurf eines „Gesetzes zur Stärkung der Entschei­dungsfreiheit bei der Organspende“ setzt explizit auf eine bewusste und freiwillige Entscheidung der Menschen und deren ausdrückliche Zustimmung zur Organspende.

Für Lauterbach ist es zwar „großartig“, dass es diesen Alternativvorschlag gibt. Er sei ein guter Anstoß für die Debatte. „Inhaltlich geht er aber nicht weit genug“, sagte er. Allein durch die Einführung eines Onlineregisters sei kein Effekt auf die Zahl der ge­spendeten Organe zu erwarten.

Wir drehen mit dem Vorschlag nur eine weitere Zeitschleife“, kritisierte er. Auch die bisherigen Bemühungen bei der Entscheidungslösung hätten schließlich nicht aus­reichend gefruchtet. „Die einzige Möglichkeit zur Steigerung der Spenderzahlen ist die Widerspruchslösung“, betonte er.

Ob man tatsächlich eine doppelte Widerspruchslösung braucht, wie von Spahn und Lauterbach gefordert, war indes bei den Ärzten und Juristen der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) bei ihrem Treffen Mitte April umstritten.

Befürworter wie Bernhard Banas, Präsident der Deutschen Transplantationsge­sell­schaft, und Henning Rosenau, Direktor des Interdisziplinären Wissenschaftlichen Zentrums Medizin – Ethik – Recht der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, sind sich sicher, dass durch eine Einführung der Widerspruchslösung die Zahl der Organ­spenden um 20 bis 30 Prozent ansteigen würde. Sie plädierten für einen „Kulturwan­del“ pro Organ­spende: „Wir brauchen eine gesellschaftliche Übereinkunft, dass man mit Organspende Leben retten kann.“

Kritiker der Widerspruchslösung hielten dagegen, dass in den vergangenen Jahren die Zahl der Organspender um 16 Prozent zugenommen, die Zahl der Organ-Transplan­tationen aber um 30 Prozent abgenommen habe. „Auch in den Ländern mit einer Wi­derspruchslösung sind die Organspenden nicht automatisch hoch gegangen“, betonte der Theologe Eberhard Schockenhoff von der Universität Freiburg.

Er halte es zudem für problematisch, so schwerwiegende Eingriffe in das Selbstbe­stimmungsrecht von Menschen vorzunehmen. „Es gibt keine moralische Verpflichtung zur Organspende“, sagte er. „Wir brauchen eine rechtliche Regelung, die die Inter­essen der Organempfänger berücksichtigt, aber auch die Freiwilligkeit des Spenders sicherstellt.“ © ER/aerzteblatt.de

 

 

Vermischtes

Mehr als 60 Prozent der Deutschen wären bei Widerspruchslösung Organspender

Mittwoch, 15. Mai 2019

Berlin – Fast zwei Drittel der Deutschen wären Organspender, wenn sie diesen Status automatisch von Geburt an hätten. Aktuell besitzen gerade einmal 36 Prozent der Bundesbürger einen Organspenderausweis. Diese große Lücke ist der bestehenden Zustimmungs­lösung geschuldet. Das stößt bei vielen Menschen in Ländern mit Wider­spruchslösung auf Kritik, wie der Stada-Gesundheitsreport 2019 zeigt.

63 Prozent der deutschen Teilnehmer gaben demnach an, dass sie ihren Status als Donor beibehalten würden, wenn auch hierzulande ein passives System bestünde.
Unter den rund 18.000 Befragten waren jeweils rund 2.000 Befragte aus Deutschland, Belgien, Frankreich, Italien, Polen, Russland, Serbien, Spanien und dem Vereinigten Königreich. Die Befragung wurde vom Marktforschungsinstitut Kantar Health im Auftrag der Stada Arzneimittel AG durchgeführt.

Bei einer Pressekonferenz in Berlin wurde deutlich, dass in Deutschland – wie auch in Großbritannien, das ebenfalls auf eine Zustimmungslösung setzt – ein großes unge­nutz­tes Potenzial an Organspendern existiert.

Die anderen sieben untersuchten Nationen haben eine Widerspruchslösung. Dort ist nicht nur die Zahl der Organspender höher als in der Bundesrepublik, die Bevölkerung der Länder kritisiert teilweise auch das Zustimmungssystem: Knapp die Hälfte der Befragten hält das Vorgehen von Deutschland und Großbritannien für wenig sinnvoll. 22 Prozent sind sich sicher, dass dadurch viele Organspender verloren gehen, weitere 24 Prozent halten die Organspende ohnehin für ihre Pflicht.

Gene sind Privatsache

Eine weitere Frage war, wie offen die verschie­denen Nationen gegenüber neuen Trends in der Medizin sind und wie sehr sie noch auf die klassische Medizin ver­trauen. Die Deutschen schnitten in beiden Punkten unterdurchschnittlich ab. Der Gesundheitsreport zeigt, dass die Deutschen offenbar am ehesten auf die eigenen Erfahrungen vertrauen und sowohl technischem als auch medizinischem Fortschritt skeptischer gegenüberstehen als der Rest Europas.

Würde der Arzt zum Beispiel einen Gentest empfehlen, um Gesundheitsrisiken besser abschätzen zu können und eine bessere Behandlung anzubieten, würden nur 42 Prozent vorbehaltlos zustimmen. In allen anderen befragten Ländern liegt der Wert bei über 60 Prozent.

Besonders skeptisch sind deutsche Frauen und die Befragten zwischen 35 und 49 Jahren, von ihnen würden nur 39 bzw. 37 Prozent vorbehaltlos zustimmen. Weitere 24 Prozent der Deutschen würden zwar zustimmen, sich dabei aber sehr unwohl fühlen. Jeder Dritte lehnt kategorisch ab. Warum? Fehlendes Vertrauen in die Richtigkeit des Tests (8 Prozent) oder Angst, dass die eigenen Ergebnisse in die „falschen Hände“ geraten (4 Prozent). Und jeder Fünfte sagt, er möchte gar nicht wissen, welche Risiken ihn erwarten.

In anderen Nationen steht man Gentests offener gegenüber, in Spanien etwa würden 90 Prozent der Befragten einen Test durchführen lassen, wenn der Hausarzt es em­pfehlen würde. Ein durchaus überraschendes Ergebnis, wenn man bedenkt, dass nur im Schnitt 24 Prozent der Befragungsteilnehmer in Europa überhaupt wissen, was bei einem Gentest untersucht wird und was damit entdeckt werden kann.

Dieses Ergebnis zeigt zum einen den Einfluss, denn der Hausarzt auf seine Patienten hat, andererseits aber auch große Wissenslücken“, sagte Tim Irfan von Kantar Health, der die Ergebnisse der Befragung vorstellte.

Grundsätzlich zeigt der Report auf, dass es beim Gesundheitswissen der Europäer noch Nachholbedarf gibt. Von den rund 18.000 Teilnehmern beantworteten nur 51 alle sechs ge­stellt­en Wissensfragen – wie „Was ist ein Generikum?“, „Was ist ein Bio­si­milar?“ „Was sind Probiotika?“) korrekt. Spitzenreiter war Spanien (15 Teilnehmer, die alle Fragen beantworten konnten), Deutschland bewegte sich mit fünf „Alleswissern“ im unteren Mittelfeld.

OP vom Roboter stößt auf Ablehnung

Ein ähnlich kritisches Bild wie bei den Gentests zeigt sich in Deutschland auch bei anderen zukunftsrelevanten Fragen: 49 Prozent der Bundesbürger können sich vor­stellen, vom Arzt eine Diagnose via Webcam zu bekommen. Nur in Belgien sind noch weniger Menschen offen für die zeitsparende Art der Kommunikation mit dem Arzt. Biosensoren zur Überwachung von Gesundheitsdaten würden 29 Prozent der Deut­schen nutzen, im europäischen Durchschnitt sind es 38 Prozent, Spitzenreiter ist Spanien mit 49 Prozent.

Beim Blick in die fernere Zukunft lehnt jeder zweite Deutsche eine Operation von einem Roboter kategorisch ab. Nur in Serbien sind es noch mehr. In Italien beispiels­weise würden sich zwei Drittel der Bevölkerung vom Roboter operieren lassen. Beson­ders skeptisch in Deutschland sind in diesem Punkt wieder Frauen – von ihnen wür­den sich nur 42 Prozent von einem Roboter operieren lassen.

Angesichts dessen, dass roboterassistierte Operationen bereits gang und gäbe seien, bestehe hier offenbar dringen Aufklärungs- und Informationsbedarf, sagte Tim Irfan von Kantar Health.

Misstrauen gegenüber Schulmedizin

Aber auch der klassischen Schulmedizin stehen die Deutschen offenbar mit Skepsis gegenüber. Nur 23 Prozent der Bundesbürger vertrauen dieser völlig, 39 Prozent immer­hin im Großen und Ganzen. Besonders misstrauisch sind erneut Frauen und die Altersgruppe der 35- bis 49-Jährigen, also diejenigen, die auch den Gentest am häufigsten kategorisch ablehnen. Im Ländervergleich haben nur Russland, Polen und Serbien noch weniger Vertrauen in die Schulmedizin.

Worauf vertrauen die Deutschen dann? Auf sich selbst. Bei Anzeichen einer leichten Erkrankung, etwa Magen- oder Erkältungsbeschwerden, greifen 49 Prozent auf Hausmittel wie Hühnerbrühe oder Wärmflasche zurück, der mit Abstand höchste Wert in allen neun befragten Ländern. Im europäischen Durchschnitt setzen nur 27 Prozent zuerst auf Hausmittel, in Italien sogar nur 14 Prozent.

Zuerst zum Arzt gehen in Deutschland elf Prozent, noch ein Prozent mehr geht für eine Beratung zuerst in die Apotheke. Damit schlagen Arzt und Apotheke das Internet, hier suchen nur acht Prozent als Erstes nach einer Lösung. Das größte Vertrauen in Arzt und Apotheke haben die Spanier: 38 Prozent von ihnen gehen bei ersten Krankheitssymptomen zuerst zum Arzt, 20 Prozent zur Beratung in die Apotheke. © nec/aerzteblatt.de

 

 

Der Tagesspiegel: Ärztepräsident: Widerspruchslösung bei Organspenden könnte sich als kontraproduktiv erweisen

Der Tagesspiegel

Mittwoch der 8. Mai 2019 - 1:00 Uhr

Berlin (ots) - Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery hat sich skeptisch zur

Widerspruchslösung bei der Organspende geäußert. Er befürchte, dass eine

solche Reform kontraproduktiv sei und das Misstrauen in die

Transplantationsmedizin befördere, sagte Montgomery dem Berliner

"Tagesspiegel" (Mittwochausgabe). Gleichzeitig warf er Gesundheitsminister

Jens Spahn (CDU) vor, mit dieser Idee zu früh vorgeprescht zu sein.

Er halte die Widerspruchslösung zwar für richtig, habe aber "immer auch

dazu geraten, diese Debatte nicht jetzt zu führen, sondern erst mal

abzuwarten, wie die beschlossenen Verbesserungen in den Kliniken wirken",

sagte Montgomery. Diese gerade erst beschlossene Reform und nicht eine

Widerspruchregelung sei der zentrale Baustein für mehr Organspenden.

"Wir merken ja, dass diese wichtige Debatte nun aufgrund des zusätzlichen

Vorstoßes von Spahn schon wieder in Parteienstreit zerfällt", meinte der

Ärztepräsident. Er sei "entsetzt darüber, dass es bestimmte Politiker nicht

schaffen, die großen ethischen Fragen auf anderer Ebene zu diskutieren."

http://www.tagesspiegel.de/politik/aerztepraesident-zu-sterbehilfe -und-organspenden-wir-muessen-haltung-zeigen-auch-gegen-den-zeitgeist /24311698.html

Rückfragen richten Sie bitte an: Der Tagesspiegel, Newsroom, Telefon 030-29021-14909

 

 

30.04.2019

Bad Oeynhausen (WB). Israelische Forscher haben jüngst mit einem

3D-Drucker ein Mini-Herz aus menschlichem Gewebe erzeugt. Der

Prototyp, dessen Zellen sich noch nicht synchron zusammenziehen

können, hat die Größe eines Hasenherzens. Es besteht aus Gewebe

und Blutgefäßen und verfügt über Kammern. Über die

Forschungsarbeit der Universität Tel Aviv hat diese Zeitung mit Prof.

Dr. Jan Gummert, Ärztlicher Direktor am Herz- und

Diabeteszentrums (HDZ), gesprochen. Die Fragen stellte Claus

Brand.

?Was ging Ihnen spontan durch den Kopf, als Sie vom Mini-

Herz aus dem 3D-Drucker gehört haben?

Prof. Jan Gummert: Ein spannendes Forschungsergebnis, über das

aber viel zu früh und so prominent berichtet wird. Vielen Patienten

wird dann wieder Hoffnung gemacht, die so nicht gerechtfertigt ist.

Anfragen, ob wir unseren Patienten, die auf ein Herz warten, nun

ein Herz drucken würden, gab es zum Glück nicht.

?Wie würden Sie dem medizinischen Laien das

Druckverfahren erklären?

Gummert: Im Gegensatz zu leblosen Materialien, die beim 3DDruck

genutzt werden, wurden hier lebendige Zellen verwendet. Der

Computer, der den 3DDrucker steuert, wählt dann statt

verschiedenen Farben oder Materialien unterschiedliche Zellen aus,

die mit Hilfe von Stabilisierungsmaterialien Schicht für Schicht zu

einem großen Zellklumpen angehäuft werden.

?Bis Patienten profitieren können, wird es wohl noch viele

Jahre dauern. Was ist Ihre Einschätzung zum Zeitfenster?

Gummert: Solange es kein funktionstüchtiges Tiermodell gibt, ist es

unverantwortlich, ein Zeitfenster für die klinische Einführung zu

nennen.

?Wo sehen Sie die Probleme auf dem Weg der

Weiterentwicklung der Forschungsergebnisse aus Tel Aviv?

Gummert: Entscheidende Hindernisse auf dem Weg zu ersten

Tierversuchen müssen noch überwunden werden. Die mit dem

3DDrucker aufgeschichteten Zellen arbeiten nicht miteinander, was

aber für ein funktionierendesHerz eine zwingende Voraussetzung ist.

Auch muss das Verfahren für größere Herzen funktionieren, was

noch nicht gezeigt wurde. Die Durchblutung eins funktionstüchtigen

Herzens ist außerdem viel komplexer als ein nicht arbeitendes Herz.

?Ist der Begriff »Medizinischer Meilenstein« in diesem

Zusammenhang zutreffend? Gummert: Den Begriff

»Medizinischer Meilenstein« schätze ich überhaupt nicht. Dadurch

werden unberechtigte Hoffnungen bei Patienten geweckt, die nur

selten erfüllt werden können. Bei einem solchen Forschungsprojekt

sollte von einem »Meilenstein in der Grundlagenforschung«

gesprochen werden.

?Gibt es einen Bezug dieser Forschungsarbeit zum Herz und

Diabeteszentrum?

Gummert: Die im HDZ durchgeführte Transplantationsforschung ist

patientennah und beschäftigt sich vor allem mit der Entwicklung

schonenderer Therapieformen zur Vermeidung von Abstoßungen.

 

 

?Sie treffen einen der Forscher aus Israel. Welche

Frage/Fragen stellen Sie ihm? Gummert: Welche konkreten

Schritte sind als nächstes geplant, um die dann angekündigten

Tierversuche durchführen zu können

? Welche Techniken kommen in Frage, damit die Zellen koordiniert

arbeiten und das ausgedruckte Herz wirklich Blut pumpen kann?

?Sehen Sie ein ethisches Problem im Zusammenhang mit

dieser Forschungsarbeit? Gummert: Ethische Probleme sehe ich

bei dieser Forschungsarbeit überhaupt nicht, ganz im Gegenteil. Bei

diesem Projekt werden – anders als bei der Diskussion um die

Forschung mit embryonalen Stammzellen – die körpereigenen

Zellen verwendet, die letztlich der eigenen Genesung dienen. Das

wäre bei einer möglichen klinischen Anwendung ein sehr großer

Vorteil.

?Angenommen, eine Weiterentwicklung gelingt: Wo liegt der

Vorteil eines solchen Herzens bei der Behandlung eines

Patienten? Gummert: Der große Vorteil wäre, dass solche Herzen

vom Immunsystem des Patienten nicht

abgestoßen würden. Daher könnte man dann nach einer

Transplantation auf abwehrschwächende Medikamente verzichten.

Die abwehrschwächenden Medikamente führen bei einigen Patienten

zu Nebenwirkungen wie Infektionskrankheiten oder

Tumorerkrankungen.

?Laut der israelischen Forscher soll versucht werden, in

absehbarer Zeit solche Herzen oder deren Weiterentwicklung

an Hasen oder Ratten in Tierversuchen zu testen.

Realistisch? Gummert: Das kann ich auf Grund der mir zur

Verfügung stehenden Informationen nicht seriös beurteilen. Auf

jeden Fall müssen noch viele grundlegende Probleme gelöst werden,

bevor Tierversuche möglich sind. Und das kann dauern.

?Was wünschen Sie den Forschern aus Israel? Gummert: Vor

allem gratuliere ich ihnen zu diesem innovativen Ansatz und drücke

die Daumen, dass dieses wirklich schwierige Projekt in absehbarer

Zeit weitere Fortschritte macht.

 

 

 

Justiz

Urteil: Keine Kosten-Erstattung für illegale Organspenden
Von dpa

17.04.2019, 14:00

Berlin. Ein Deutscher, der sich in den Niederlanden die Niere eines Mannes aus Sierra Leone implantieren ließ, muss dafür nach einem Berliner Urteil selbst zahlen. Die Krankenkasse müsse die Kosten nicht übernehmen, da die Transplantation nach deutschem Gesetz nicht zulässig gewesen sei, teilte das Sozialgericht in der Hauptstadt am Mittwoch zu dem Urteil mit. Ein Versicherter dürfe sich in einem anderen EU-Staat nur die von den deutschen Krankenversicherungen vorgesehenen Leistungen beschaffen. (Aktenzeichen: S 76 KR 1425/17).

Das deutsche Transplantationsgesetz sehe eine besondere persönliche Verbundenheit zwischen Spender und Empfänger vor, hieß es. In dem Fall des 57-jährigen Mannes, der die Niere bekam, sei diese Verbundenheit nicht zu erkennen gewesen. Der Mann aus dem westafrikanischen Land habe sich zu der Spende bereit erklärt, als er den Mann in Deutschland noch nicht persönlich kannte, hieß es im Urteil.

Zwei deutsche Krankenhäuser hatten deshalb die Operation abgelehnt. Der 57-Jährige stand bei der Stiftung Eurotransplant auf der Warteliste für ein Organ, war aber bis zu seiner eigenen Entscheidung nicht berücksichtigt worden. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, eine Berufung ist möglich.

( dpa )

 

 

 

Organspende: "Entscheiden Sie sich!"

Professor Matthias Anthuber von der Universitätsklinik Augsburg sieht es als Bürgerpflicht, sich für oder gegen die Organspende zu entscheiden

von Dr. Achim G. Schneider, 11.04.2019

Herr Professor Anthuber, ab April soll ein Gesetz Kliniken darin stärken, mögliche Organspenden auch zu realisieren. Eine gute Neuerung?

Das Gesetz ist sicher sehr hilfreich. Doch es genügt nicht. So sprechen sich 84 Prozent der Menschen in Deutschland für die Organspende aus, doch nur 36 Prozent dokumentieren das mit einem Spenderausweis. Diese Kluft macht deutlich, dass wir mehr als dieses Gesetz brauchen. Zum Beispiel die Widerspruchslösung, über die aktuell debattiert wird.

 

Wer nicht schriftlich widerspricht, wäre damit künftig automatisch ein Organspender. Was halten Sie von dem Einwand, dass fehlender Widerspruch nicht einfach als Zustimmung gewertet werden könne?

Manche Kritiker sagen sogar, die Widerspruchslösung entspreche einer Organ-Abgabepflicht und habe mit einer Spende nichts mehr zu tun. Ich halte das für eine falsche Interpretation. Es bestünde lediglich die Pflicht, eine Entscheidung zu treffen und sie bekannt zu geben. Mit einem "Nein" kommt man als Organspender nicht mehr infrage.

Manche halten es für unangemessen, ein "Ja" oder "Nein" zu erzwingen.

Ich meine, man darf das. Wir müssen uns gegenüber dem Staat ständig erklären: Wo wir wohnen, wie viel wir verdienen und so weiter. Wenn wir den Solidargedanken zu Ende denken, können wir auch erwarten, dass Menschen in einer so wichtigen Frage wie der Organspende eine Entscheidung fällen. Und wenn man sich damit gar nicht befassen möchte, stimmt man mit "Nein". Im Übrigen kann man sich jederzeit umentscheiden.

Viele Menschen sehen die Organspende generell positiv, scheuen aber davor zurück, das mit einem "Ja" zu dokumentieren. Woran liegt das?

An diffusen Ängsten und Vorbehalten. So höre ich häufig die Frage: Werden Ärzte mich bei einer schweren Hirnschädigung noch voll behandeln oder eben nicht, weil sie in mir schon den Organspender sehen? Für mich ist das eine abstruse Vorstellung. Denn das käme einer bewussten Tötung gleich.

Besteht nicht eher bei manchen die Sorge, quasi noch am Leben zu sein, wenn Organe entnommen werden?

Viele Menschen, darunter auch Ärzte und Pfleger, haben das Konzept des Hirntods intellektuell noch nicht wirklich durchdrungen. Hier ist noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten. Ich vergleiche den Hirntod mit einer inneren Enthauptung. Groß-, Mittel- und Stammhirn sind zerstört und damit auch alle grundlegenden Lebensfunktionen erloschen.

 

Im Mai 2018 ging ein Fall aus den USA durch die Presse. Ein 13-Jähriger wachte auf, nachdem Ärzte ihn für hirntot erklärt hatten.

In keinem Bericht darüber wird erwähnt, ob nach den bei uns üblichen Standardkriterien eine Hirntod-Dia­gnostik erfolgt ist. In Deutschland stellen zwei damit erfahrene Ärzte unabhängig voneinander und bei Kindern im zeitlichen Verlauf mehrmals den irre­versiblen Hirnausfall fest. Bestätigt werden die klinischen Befunde durch Ergebnisse von technischen Untersuchungen wie Ableitung der Hirnstromkurve, Ultraschall und Angiografie. Ein Irrtum ist unter den hiesigen Bedingungen also ausgeschlossen.

 

Eine Entnahme findet auch nur statt, wenn die Angehörigen zustimmen.

Diese Situation ist für alle Seiten ex­trem belastend. Es handelt sich sicher um eines der schwierigsten Gespräche, die man als Arzt führen muss. Die Angehörigen empfinden eine so unglaubliche Trauer, dass sie sich mit dem Gedanken an die Organspende nicht beschäftigen wollen. Auch ihnen würde es sehr helfen, wenn die Entscheidung dafür oder dagegen zu Lebzeiten klar dokumentiert würde.

Sie werben für die Organspende. Was ist Ihr stärkstes Argument?

Man eröffnet damit Todkranken die Chance auf ein längeres, qualitätvolles Leben. Derzeit sterben in Deutschland täglich rund drei Menschen auf der Warteliste. Wenn wir mehr Organspender hätten, könnten wir die Not etwas lindern.

 

 

 

Pro und Contra: Schützt oder entmündigt? SPD-Mann und FDP-

Politiker streiten über Organspende-Reform

Focus Online

Montag, 08.04.2019, 22:54

Eine Gruppe von Bundestagsabgeordneten verschiedener Parteien will durchsetzen, dass künftig in Deutschland jeder als potenzieller Organspender behandelt wird, wenn er nicht zuvor widersprochen hat.

Karl Lauterbach (SPD) ist einer von ihnen. Der FDP-Bundestagsabgeordnete Otto Fricke (FDP) hält dagegen. In einem "Pro und Contra" für FOCUS Online erklären die beiden Politiker ihre Position.

Pro: Wer nicht widerspricht, ist Organspender

Das Transplantationsgesetz in Deutschland muss dringend geändert werden. Die seit 2012 geltende Entscheidungslösung, nach der nur die Personen als mögliche Spender gelten, die einer Entnahme ausdrücklich zustimmen, ist offensichtlich wirkungslos. Weit über 10.000 Menschen sind auf der Warteliste, und sie warten häufig im Angesicht des Todes. Darunter sind viele Kinder. 2000 Todesfälle pro Jahr sind während der Wartezeiten zu beklagen. Das ist unnötiges Leid. Als Arzt und Politiker kämpfe ich für die Einführung einer Widerspruchslösung.

Pro: Karl Lauterbach (SPD)

Lauterbach, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der SPD im Bundestag, ist

habilitierter Mediziner. Er kämpft – unter anderem mit Bundesgesundheitsminister

Jens Spahn (CDU) – für die so genannte Widerspruchslösung. Kernpunkt: Wer nicht

widerspricht, ist automatisch Organspender. Er selbst erklärt sich zur Organspende

bereit.

Jeder, der einer Organspende nicht ausdrücklich widerspräche und diesen Widerspruch dokumentieren ließe, käme grundsätzlich als Spender in Frage. Damit würde der größte Teil der Bevölkerung zu Spendern. Mit der Widerspruchslösung wäre die deutliche Verbesserung möglich, die wir bei den Spenderzahlen brauchen.

Wir könnten damit viele Menschen vor dem Tod retten oder ihnen ein besseres Leben ermöglichen. Politisch sollten wir uns in diese Richtung bewegen, gesellschaftlich müssen wir diese Diskussion führen. Ein großer Teil der Bevölkerung wäre zur Organspende bereit. Trotzdem wird nur eine Minderheit im Todesfall auch Spender. Die Organisation und die Vergütung der Organentnahme haben wir per Gesetz verbessert, aber das reicht noch nicht. Die Länder mit hoher Transplantationsquote haben fast alle Widerspruchslösungen.

"Kein massiver Eingriff in Persönlichkeitsrechte"

Organspende soll keine Bürgerpflicht werden, sondern nur der Widerspruch, wenn man keine Organe spenden möchte. Und jeder, der sich dagegen entscheidet, entscheidet auch moralisch und bleibt trotzdem weiter Empfänger. Es gibt keine Nachteile. Durch die Widerspruchslösung bringt man Menschen dazu, sich überhaupt erst die Frage zu stellen, ob sie spenden wollen oder nicht. Das schuldet man Schwerstkranken, die auf ein Organ warten.

Einen massiven Eingriff in Persönlichkeitsrechte kann ich dabei nicht erkennen. Die Gesellschaft darf verlangen, dass sich jeder sehr bewusst mit der Frage auseinandersetzt, wie er zur Organspende steht. Die allermeisten Bürger, die sich bisher noch nie mit dem Thema beschäftigt haben, erwarten schließlich, im Fall der Fälle selbst ein Organ zu bekommen. Die Widerspruchslösung wird dieser Anspruchshaltung gerecht. Auch die Angehörigen erhielten ein zusätzliches Widerspruchsrecht, aber nur dann, wenn die Familie nach dem Tod ihres Angehörigen glaubhaft versichert, dass dieser sich gegen die Organspende entschieden hat. Dann werden die Organe nicht gespendet.

Ich bin mir bewusst, dass eine Widerspruchsregelung das Misstrauen gegenüber der Transplantationsmedizin für wenige noch erhöhen könnte. Daher muss alles getan werden, um ein Nein zur Organspende verlässlich zu dokumentieren. Kommt die Widerspruchslösung nicht, stellen wir unsere abstrakten und zum großen Teil unberechtigten Bedenken über das konkrete Leid der Betroffenen. Die Widerspruchslösung ist eine Regelung, die Leid und unnötigen Tod verhindert, aber gleichzeitig auch vor Fehlern und Missbrauch schützt. Das ist aus meiner Sicht eine Regelung, die gut in unsere Zeit passt.

Contra: Der Bürger ist mündig, sich für oder gegen Organspenden zu entscheiden

Die Befürworter der Widerspruchslösung und ich haben etwas gemeinsam: Wir alle wollen mit mehr Organspenden Leben retten. Dabei ist es mir jedoch wichtig, dass die Problemlösung mit den Bürgerinnen und Bürgern gemeinsam erfolgt – und nicht ohne sie. Unsere interfraktionelle Entscheidungslösung erfüllt diese Anforderung.

In der Debatte über Organspenden werden regelmäßig die tatsächlich erfolgten Organspenden und die Organspendebereitschaft – teilweise bewusst – vermischt. Zwischen ihnen besteht jedoch ein eklatanter Unterschied.

Contra: Otto Fricke (FDP)

Fricke, Haushaltspolitiker und praktizierender Christ, ist dagegen, dass in Deutschland

künftig der Automatismus gilt „Wer nicht widerspricht, ist Organspender“. Er plädiert

– unter anderem mit Annalena Baerbock (Grüne) und Katja Kipping (Linke) dafür,

alle Bürger regelmäßig und verbindlich zu ihrer Haltung zur Organspende zu

befragen. Fricke selbst erklärt sich zur Organspende bereit.

Rund 28 Millionen Deutsche haben sich laut Umfragen entschieden, Organe zu spenden. Sie sind also potenzielle Spender. Auf der anderen Seite wurden 2018 nur 3.113 Organe gespendet. Gleichzeitig warteten 9.697 Menschen auf ein Spenderorgan. Diese Zahlen machen deutlich: Die Anzahl der Spender muss erhöht werden. Das ist Ziel unseres Vorschlags einer verbindlichen Entscheidungslösung und auch Ziel des Gegenvorschlags, der Widerspruchslösung.

Wenn der Bürger aber kein Untertan ist, dürfen wir ihn "nur" bitten

Zwischen den beiden Ansätzen gibt es jedoch einen grundsätzlichen Unterschied: das Menschenbild. Ich sehe den Menschen als mündigen Bürger, der sich von sich aus für oder auch gegen eine Organspende entscheidet. Hierbei fehlt es immer wieder an Informationen und der Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit der Organspendefrage.

Wenn der Bürger aber kein Untertan ist, dürfen wir ihn "nur" bitten, sich damit auseinanderzusetzen. Konkret wollen wir, dass Bürger Informationen und Hinweise auf Ansprechpartner rund um die Organspende erhalten. Insbesondere, wenn sie einen Personalausweis beantragen.

Bewusst aber ist eine Entscheidung bei der Beantragung nicht vorgesehen. Erst bei der Abholung wird nach einer Entscheidung gefragt. Hier gibt es jedoch auch die Möglichkeit anzugeben, dass man sich noch nicht entscheiden kann oder möchte. Geändert werden kann die Entscheidung zudem von jedem selbst, zukünftig zum Beispiel im Rahmen eines elektronischen Registers.

Hier sagt der Staat dem Bürger: Ich als Staat weiß besser, was richtig ist

Die Entscheidung, zu spenden oder nicht zu spenden, trifft der Bürger bei unserer Lösung stets selbst. Das ist mir wichtig, denn meine Überlegungen gehen insbesondere bei diesen Fragen stets vom Grundgesetz aus, welches auf der Idee beruht, dass staatliche Eingriffsrechte immer vom Bürger her gedacht und von seinen individuellen Rechten her abgeleitet werden müssen.

Mit der Widerspruchslösung würde dieser Prozess am Anfang umgekehrt: Der Staat macht den Bürger zum Organspender, der Bürger muss nun agieren und widersprechen, wenn er nicht dem Staat folgen will. Auch eine Absicherung durch den möglichen Widerspruch der Angehörigen gibt es bei der Widerspruchslösung nur, wenn der Verstorbene sich zu Lebzeiten in irgendeiner Form hinreichend zur Organspende geäußert hat.

Hier sagt der Staat dem Bürger: Ich als Staat weiß besser, was richtig ist, statt an die Freiheit des Einzelnen zur Verantwortung zu appellieren. Das ist der falsche Weg: Es geht bei einer Organspende immer um einen Eingriff in den Körper. Automatisch, ohne seinen Willen geäußert zu haben, darf deshalb niemand potenzieller Spender sein, so sehr ich mir möglichst viele potentielle Spender wünsche.

 

 

Westfalen Blatt 2. April 2019

Widerstand gegen die Widerspruchslösung

Organspende: Ethiker und Patientenschützer gegen Spahns Vorschlag

Berlin (dpa/epd). Eine Politikergruppe um Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) stößt mit ihrem Gesetzentwurf zur Organspenderegelung auf Widerstand.

Der Ethikrat-Vorsitzende Peter Dabrock spricht sich gegen den Vorschlag aus, eine höhere Bereitschaft zur Organspende durch eine Widerspruchslösung zu erreichen. »Damit wird für mich der Körper nach dem Hirntod zu einem Objekt der Sozialpflichtigkeit«, sagte der Theologieprofessor gestern im Deutschlandfunk. Der Vorstoß der Widerspruchslösung sei unnötig und schädlich, weil er Vertrauen beschädige und zu kaum mehr Effizienz bei der Organspende führe. In dem Entwurf ist vorgesehen, dass alle Personen ab 16 Jahren ausführlich informiert und als Spender registriert wer

den – außer sie widersprechen. Dabrock sieht zwar einen Unterschied zwischen Hirntod und Tod, hält Organspenden grundsätzlich aber für wichtig und gut, weil sie ein »Akt der Solidarität mit schwerstkranken Menschen« seien. »Wir brauchen eine viel breitere Debatte zu den Schwierigkeiten, die das ganze Transplantationswesen vielen Menschen bereitet, aber nicht, damit wir die Bereitschaft senken, sondern damit wir sie erhöhen.« Auch der Medizinethiker Giovanni Maio lehnt die Einführung einer Widerspruchsregelung ab. »Die Widerspruchslösung führt nicht automatisch zu einer Zunahme an Spenden«, sagte der Freiburger Wissenschaftler im WDR5-»Morgenecho«. Studien in Dänemark und Schweden könnten nicht belegen, dass die Regelung zu mehr Organspenden führe. Vielmehr sei die Organisation

der Spenden maßgeblich. Zugleich beharrte er auf Freiwilligkeit. Die Unverfügbarkeit des menschlichen Körpers werde sonst außer Kraft gesetzt. »Jeder Mensch hat das Recht darauf, dass sein Körper unversehrt bleibt.« Das gelte auch nach dem Tod. »Wir haben ein Empfinden, dass der Körper auch nach dem Tod natürlich etwas mit uns zu tun hat.«

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz warnt ebenfalls. Bei der Widerspruchsregelung könne von Spende keine Rede mehr sein, sagte Stiftungsvorstand Eugen Brysch. »Jede Organspende ist eine freiwillige Entscheidung.« Die Widerspruchslösung setze aber darauf, dass die meisten sich nicht mit der Frage beschäftigen und schweigen. »Schweigen heißt aber nicht Zustimmung«, sagte Brysch. Es sei ethisch besonders wertvoll, einem anderen Menschen sein Organ zu schenken. »Doch dieses Geschenk ist nicht mit der Brechstange zu erzwingen.« An Spenderorganen herrscht Mangel. In Deutschland standen zuletzt 9400 Patienten auf den Wartelisten für eine Transplantation. Erstmals seit 2010 war die Zahl der Spender im Vorjahr wieder gestiegen: auf 955.

 

LEITARTIKEL

Organspende Mein Körper gehört mir – auch im Tod

Von Andreas Schnadwinkel

Vor elf Jahren hat der deutsche Dokumentarfilmer Markus Vetter eine ebenso wahre wie anrührende Geschichte erzählt. Im Westjordanland wird 2005 ein elfjähriger palästinensischer Junge von israelischen Soldaten erschossen, weil er eine echt aussehende Spielzeugwaffe in der Hand hält. Die Ärzte in Haifa stellen den Hirntod fest, die Eltern stimmen der Organspende zu – und retten damit drei israelischen Kindern das Leben. Wer den Film »Das Herz von Jenin« gesehen hat oder sich in Erinnerung ruft, dass der heutige Bundespräsident FrankWalter Steinmeier seiner Frau Elke Büdenbender eine Niere gespendet hat, kann in Organspenden natürlich nur Gutes sehen. Und das stimmt auch, weil in beiden Fällen freiwillige Entscheidungen bewusst getroffen worden sind. Das ist bei dem, was Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und anderen Politikern vorschwebt, nicht so. Die Widerspruchslösung schränkt Freiheitsrechte ein, weil sie im Kern darauf setzt, dass Menschen zu ihren Lebzeiten der Organspende eben nicht explizit widersprechen. Dass die Angehörigen noch gefragt werden sollen, ob sich der Verstorbene irgendwann einmal gegen Organspenden ausgesprochen hat, klingt nicht nur wie eine ProForma-Maßnahme am Sterbebett – in der Praxis wäre es auch genau so. Unser Grundgesetz beginnt mit den Grundrechten. Artikel 1 garantiert die Menschenwürde, Artikel 2 die körperliche Unversehrtheit. Beides reicht über den Hirn- oder Organtod hinaus. Eine Widerspruchslösung widerspricht dem generell. Niemand sollte etwas ablehnen müssen, dem er nie zugestimmt hat. Das Argument, jeder könnte einmal in die Situation kommen, auf ein Organ angewiesen zu sein, und müsse deshalb ganz automatisch auch Spender sein, zieht nicht. Jeder Mensch muss davon ausgehen können, dass sein Körper nach dem Tod unversehrt bestattet wird – und nicht als ausgeschlachtetes Ersatzteillager. Die Hauptursache für Organmangel liegt woanders. Laut einer Studie der Zeitschrift »Deutsches Ärzteblatt« hätte es 2015 insgesamt 2780 Organspenden geben können; es waren aber nur 877, weil in Krankenhäusern potenzielle Organspender zu selten erkannt und gemeldet werden. Hier, und erst einmal nur hier, gilt es anzusetzen. Die Politik wäre gut beraten, wenn sie vorerst die Wirkung des neuen Transplantationsgesetzes abwarten würde. Darin ist vieles enthalten, das Kliniken bei Organspenden hilft.

 

WESTFALEN-BLATT Nr. 78 Dienstag, 2. April 2019

Zwei Wege zu mehr Organspenden Was die beiden Vorschläge unterscheidet

Berlin (epd/dpa). Zwei Gruppen von Bundestagsabgeordneten setzen sich fraktionsübergreifend für unterschiedliche Wege bei der Neuregelung der Organspende ein. Eine Gruppe um Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach hat einen Gesetzentwurf für eine Widerspruchsregelung ausgearbeitet (siehe links). Eine zweite Gruppe um den CDU-Politiker Heribert Hirte und die GrünenVorsitzende Annalena Baerbock lehnt eine Widerspruchsregelung ab und schlägt ein bundesweites Online-Register für Erklärungen zur Organspende vor (siehe rechts). Der Bundestag soll ohne Fraktionszwang über eine Reform entscheiden. Wann, ist noch unklar.

 

 

Ärzte Zeitung online, 01.04.2019

Bundestag

Organspende-Debatte startet mit Streit

Widerspruchs- oder Zustimmungsregelung? Bundestagsabgeordnete ringen ohne Fraktionsgrenzen um den Weg zu mehr Organspendern.

Von Anno Fricke

BERLIN. Der Entwurf für eine Reform der Organspende hin zur Einführung einer Widerspruchsregelung hat ein breites Echo ausgelöst.

Professor Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, nannte den Vorstoß einer Gruppe von Parlamentariern am Montag „ethisch unproblematisch“ und „medizinisch wünschenswert“, meldete aber rechtliche Bedenken an. Es gebe in Deutschland keinen Rechtsakt, bei dem Schweigen implizit als Zustimmung gewertet werde, sagte Montgomery.

Der Gesetzentwurf sieht tatsächlich vor, dass jede Person als Organ- und Gewebespender gilt, es sei denn, sie hat zu Lebzeiten widersprochen. Liegt kein Widerspruch vor, sollen die für die Organentnahme verantwortlichen Ärzte bei den nächsten Angehörigen den mutmaßlichen Willen des potenziellen Spenders ermitteln.

Die Autoren bezeichneten ihren Entwurf am Montag als unbürokratisch, ethisch sauber, weil niemand gezwungen werde, Spender zu sein, sowie effizient und sicher, weil es eine doppelte Absicherung gebe.

Register bei der BZgA geplant

Der Vorstoß von Jens Spahn (CDU, Gesundheitsminister), Professor Karl Lauterbach (SPD), Dr. Georg Nüßlein (CSU) und Petra Sitte (Linke) enthält Vorgaben zum Aufbau eines Registers voraussichtlich bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Dort sollen Widersprüche, aber auch Zustimmungen dokumentiert werden.

Das Register solle von jeder Arztpraxis angesteuert werden können, so Spahn. Die Ära des Organspendeausweis würde damit auslaufen. Spahn sagte, er könne sich vorstellen, dass die Haltung zur Organspende auch in die elektronischen Patientenakte aufgenommen werden könne.

Die Idee eines solchen Registers reklamiert eine weitere interfraktionelle Parlamentariergruppe für sich, die in den kommenden Wochen einen Alternativvorschlag für eine ausdrückliche „Zustimmungsregelung“ wollen. Dazu soll auch eine Beratung durch den Hausarzt gehören.

Die Haltung zur Spende soll mehrmals im Leben zum Beispiel bei der Erneuerung des Personalausweises abgefragt werden. Aus dieser Gruppe kamen am Montag massive Vorwürfe.

Spahn als unfair dargestellt

Die Widerspruchsregelung sei grundgesetzwidrig, merkte Kathrin Vogler (Linke) an. Zu der konkurrierenden Gruppe gehören unter anderen der CSU-Abgeordnete Stephan Pilsinger, die Grünen Annalena Baerbock und Kirsten Kappert-Gonther sowie Karin Maag (CDU).

Ebenfalls dazu gehört die FDP-Abgeordnete Christine Aschenberg-Dugnus. Sie warf Jens Spahn vor, Absprachen gebrochen zu haben. Die konkurrierenden Gesetzentwürfe hätten ursprünglich zeitgleich vorgestellt werden sollen. Dass Spahn nun unfair und übereilt vorgeprescht sei, zeige seine Nervosität, keine Mehrheit zu erhalten.

Spahn verwies hingegen darauf, dass die Debatte im Bundestag parallel verlaufen werde. Der Konkurrenzentwurf, für den sein Ministerium Formulierungshilfe leiste, sei komplizierter und bedürfe daher mehr Zeit für die Ressortabstimmung.

Auf die Fernwirkung des am Montag in Kraft getretenen Gesetzes für bessere Strukturen bei der Organspende (GZSO) verwies die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG). Damit seien wichtige Schritte bereits eingeleitet. Gleichgültig, für welche Regelung der Bundestag entscheide, seien Aufklärung und Information die richtigen Mittel.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

28.03.2019

Umstrittene Widerspruchslösung Spahn und Lauterbach legen

Gesetzentwurf zur Organspende vor

 

In Deutschland gibt es zu wenige Organe für schwerkranke Menschen. Wer nach seinem Tod

nicht automatisch als möglicher Spender gelten will, soll sich nach SPIEGEL-Informationen

künftig in ein Register eintragen.

Von Cornelia Schmergal

Noch in diesem Jahr will der Bundestag eine Neuregelung auf den Weg bringen, um die Zahl potenzieller Organspender zu

erhöhen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach haben dazu jetzt

einen gemeinsamen Gesetzentwurf ausgearbeitet, den sie im Parlament zur Abstimmung stellen wollen.

Der Gruppenantrag, der von Abgeordneten verschiedener Fraktionen unterstützt wird, sieht nach SPIEGEL-Informationen vor, dass jeder Bürger nach seinem Tod als potenzieller Organspender gelten soll - wenn er zu Lebzeiten nicht widersprochen hat. Bürger, die keine Organe spenden wollen, müssten dies in einem Register dokumentieren. Sie könnten dieses Veto jederzeit selbst eintragen oder auch löschen, falls sie ihre Meinung ändern. Auch der Fall, dass eine Organspende ausdrücklich gewünscht wird, soll im Register vermerkt werden können.

"Extrem unbürokratisch"

Ist kein Widerspruch hinterlegt, gilt dies als Zustimmung. Allerdings sollen Angehörige die Organentnahme ablehnen können, wenn sie glaubhaft machen, dass der Verstorbene kein Spender sein wollte, dies aber nicht dokumentiert habe. Um den Schutz der Daten zu gewährleisten, könnte das Register bei einer Bundesbehörde angesiedelt werden.

Lauterbach hielt den Vorschlag auf Anfrage für "extrem unbürokratisch". Das Modell der Widerspruchslösung sei sehr sicher, "weil man ohne große Mühe eine Meinungsänderung dokumentieren kann".

Über die Neuregelung der Organspende will der Bundestag fraktionsoffen abstimmen. Der Ausgang ist noch ungewiss. Mindestens eine Parlamentariergruppe will einen aussichtsreichen Gegenvorschlag für ein Gesetz einbringen. Zu den Initiatoren dieses zweiten Gruppenantrags gehören Grünenchefin Annalena Baerbock und der CSU-Politiker Stephan Pilsinger.

 

 

Kommentar

Darum brauchen wir die Widerspruchslösung

Jutta Falke-Ischinger, Vorsitzende des Vereins „Leben Spenden! e.V.“ über Spahns
Vorschlag zur Organspende

von: Jutta Falke-Ischinger, Vorsitzende des Vereins „Leben Spenden!“

veröffentlicht am

25.03.2019 - 15:42 Uhr

Alle politischen Kräfte berufen sich immer wieder auf das Prinzip der Solidarität als Grundbaustein einer demokratischen Gesellschaft. Dies funktioniert auch in vielen Bereichen gut.

Wo es nicht funktioniert, ist bei der Organspende: Nirgendwo in Europa müssen Kranke länger auf ein rettendes Organ warten als bei uns. Deutschland muss hier 30 Jahre aufholen, so moniert es die spanische Transplantationsbehörde.

30 Jahre!

Nun hat Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ein Gesetz auf den Weg gebracht, das Abläufe und Strukturen in Kliniken verbessern soll. Das ist gut und wichtig. Doch Strukturverbesserungen allein schaffen nicht die Trendwende, wie unsere niederländischen Nachbarn nach zehn Jahren Reformen erleben mussten. Sie führen jetzt zusätzlich die Widerspruchslösung ein.


Auch in Deutschland stehen wir nach über 40 Jahren Diskussion vor dieser

Entscheidung. Bisher gibt der Gesetzgeber einen Negativtrend normativ vor:

Niemand ist Organspender – es sei denn, er meldet sich ausdrücklich.

Im Klartext heißt das: Wir sind ein Land, in dem beim Thema Organspende zwar

jeder prinzipiell Empfänger ist, aber nicht Spender. Das ist weder logisch, noch

solidarisch. Und funktioniert auch nicht.

Deshalb brauchen wir die Widerspruchslösung

Da ist es umgekehrt: Spenden ist Normalfall, Nicht-Spenden die Ausnahme. Auf diesem solidarischen Konsens fußt der spanische Erfolg, darauf konnten die Reformen gedeihen und immer ehrgeiziger werden. In Spanien geht man vom Gedanken der Gegenseitigkeit aus: Wir nehmen nicht nur, wir geben auch. Nichts anderes meint die Widerspruchslösung.

 

 

 

Westfalen Blatt 20.03.2019

 

UniklinikEssen hilft bei Organspende- Fällen

 

Essen (epd).

Fünf Mediziner des Universitätsklinikums Essen beraten andere

Krankenhäuser, um Organspende Fälle besser feststellen zu können.

Im Bereitschaftsdienst rückten die Mediziner aus,um einen

möglichen Hirntod zu diagnostizieren, erklärte die Uniklinik in Essen.

Ein unumkehrbarer Hirnfunktionsausfall ist Voraussetzung für die

Organspende.Die Kooperation mit der Deutschen Stiftung

Organtransplantation erreicht den Angaben zufolge Krankenhäuser

im Ruhrgebiet, in Westfalen und in Teilen des Rheinlands.

Ulrike Wirges, Geschäftsführende Ärztin der Deutschen Stiftung

Organtransplantation in der Region Nordrhein-Westfalen, betonte

den Modell- und Vorbildcharakter der Kooperation. Sie hoffe, dass

der neurologische Konsildienst von den Krankenhäusern vor Ort

genutzt werde,um dadurch mehr Menschen zu helfen, die ein Organ

benötigen. Christoph Kleinschnitz, Direktor der Klinik für Neurologie

am Universitätsklinikum Essen, erklärte, die Mediziner wüssten um

die besondere Bedeutung ihres Angebots für die kleineren

Krankenhäuser.

 

Mindener Tageblatt; 12.03.2019

 

Warten, bangen, hoffen

 

Die Zahl der Organspender in Deutschland ist

nach jahrelangem Abwärtstrend wieder

gestiegen. Minden liegt über dem

Bundesschnitt. Doch auch am Klinikum werden

die Ärzte immer wieder mit Ablehnung

konfrontiert.

Von Sebastian Radermacher

Minden (mt).

Es ist ein Satz, der verdeutlicht, wie wichtig

Organspender sind. Und wie wichtig es ist, dass es in

Zukunft mehr von ihnen geben wird. „Viele

schwerkranke Menschen,die dringend ein

Spenderorgan benötigen,müssen damit rechnen,

dass sie auf der Warteliste sterben werden“, sagt

Prof. Dr. Jörg Radermacher. Im Hörsaal 1des

Campus-Geländes am Johannes Wesling Klinikum

(JWK) ist es mucksmäuschenstill. Der Chefarzt, von

2003 bis Ende 2018 Transplantationsbeauftragter am

JWK und ein geschätzter Fachmann auf diesem

Gebiet,steht am Rednerpult und hält einen

Vortrag.Vor ihm sitzen aber keine Studenten,

sondern Politiker Radermacher informiert sie über

die Zahl der Organspender in Minden, über den Weg

vom Erfassen eines Spenders über die Suche nach

einem passenden Empfänger bis hin zur

Transplantation.es Kreis Gesundheitsausschusses. Es

geht auch um die komplexen Aufgaben des

Ärzteteams im JWK, das die Transplantationen

koordiniert,um den Umgang mit Familienangehörigen

und natürlich um die wichtigste Frage bei dem

Thema: Organspende –ja oder nein? Radermacher

persönlich hat sein Einverständnis zur Entnahme von

Organen und Gewebe nach seinem Tod durch die

Unterschrift auf dem Organspendeausweis gegeben.

Er respektiert aber jeden Menschen,der sich nicht

dazu bereiterklärt,das macht der Mediziner in seinem

Vortrag immer wieder deutlich. Mit der Zustimmung

auf dem Papier sei es aber längst noch nicht getan.

Letztlich würden vor jeder Spende immer die

Familien befragt. „Eine Klinik wird gegen den Willen

der Angehörigen keine Organe entnehmen“, stellt

der Chefarzt klar. „Selbst dann nicht, wenn der

Verstorbene dafür seine Unterschrift gegeben hat.“

Warum ist das so?Sollte eine Organspende gegen

den Willen einer Familie in der Öffentlichkeit die

Runde machen, drohten laut Radermacher

verheerende Folgen:„Einmal miese Presse–und das

Thema ist für die nächsten Jahre verbrannt.“

Radermacher berichtet von einer insgesamt guten

Entwicklung: Aktuell stünden laut Umfragen rund 80

Prozent der Bevölkerung dem äußerst sensiblen

Thema positiv gegenüber.Und auch die Zahl der

Spender ist nach langem,teils drastischem

Abwärtstrend wieder gestiegen. 955 Menschen in

Deutschland überließen 2018 nach ihrem Tod Organe

für andere Patienten –im Vergleich zu 2017 bedeutet

dies ein Plus von knapp 20Prozent. „Das ist

erfreulich, die Hysterie ist verflogen“, sagt

Radermacher. Er spielt damit auf den

Transplantationsskandal über manipulierte

Wartelisten mit gefälschten Krankenakten vor

einigen Jahren an.Rückblick:2010 gab es in

Deutschland 1.296 Organspen der.Nachdem der

Skandal an die Öffentlichkeit gelangt war, stürzte die

Zahl in den Keller. Tiefpunkt

war das Jahr2017, als die Deutsche Stiftung

Organtransplantation(DSO) nur noch 797 Spender

registrierte. Auch wenn sich der Trend insgesamt

umgekehrt hat, so bleibt Nordrhein-Westfalen

weiterhin Schlusslicht bei den Organspendern. In

Minden sei die Entwicklung allerdings

zufriedenstellend,wieder Chefarzt ins einem Vortrag

verdeutlicht.Pro Jahr entnehmen externe

Transplantationsteams im JWK durchschnittlich fünf

Spendern Organe. Seit 2009 liege Minden, bezogen

auf die Einwohnerzahl, immer über dem Landes-und

Bundesdurchschnitt. Aber auch im JWK werden die

Ärzte immer wieder mit Ablehnung konfrontiert. Im

vergangenen Jahr seien vier Transplantationen

abgelehnt worden–in zwei Fällen habe es keine

Einwilligungen der Angehörigen gegeben,einmal

habe keine Freigabe durch die Staatsanwaltschaft

vorgelegen und in einem Fall habe ein Patient einen

Herz-Kreislauf-Stillstand erlitten, erläutert der

Mediziner. Eine Organspende ist nur bei der Diagnose

Hirntod möglich (siehe Info-Kasten).„In der Regel

erhalten wir aber inmer mehr als der Hälfte der Fälle

eine Einwilligung“,betont Radermacher. Eine

Diskrepanz besteht immer noch bei der Zahl der

potenziellen Organspender und derer, denen

tatsächlich Organe entnommen werden. 2018gab es

laut Radermacher in Deutschland 653

„organspendebezogene Kontakte“, aber lediglich163

Spender. Die mittlere Wartezeit zum Beispiel auf eine

Spenderniere betrage aktuell acht Jahre. 96 Monate

warten,bangen,hoffen–dass man am Ende ein Organ

bekommt,das einen am Lebenhält. Der Chefarzt legt

in seinem Vortrag viel Wert auf die Tatsache,dass

Organspenden theoretisch in jedem Alter möglich

sind. „Die gesunde Niere eines 90-Jährigen kann

noch 20 Jahre halten“, betont er. Und auch für

Organe eines zweijährigen Kindes gebe es

Abnehmer,die darauf warten würden. Und wie lässt

sich die Zahl der Organspenderin Deutschland

langfristig erhöhen?Der Chefarzt vom JWK spricht

sich für die im Bundestag diskutierte

Widerspruchslösung aus: Demnach wird im Falle

eines Hirntods automatisch jeder zum potenziellen

Spender, der solch einem Eingriff zuvor nicht

ausdrücklich widersprochen hat. Eine Alternative

könne eine verpflichtende Erklärung zur

Organspende mit Beginn der Volljährigkeit sein, etwa

im Zusammenhang mit dem Führerschein, sagt

Radermacher. Fast alle Länder in Europa haben eine

Widerspruchsregelung eingeführt, in den

Niederlanden tritt das Gesetz zum Beispiel 2020

inKraft.„Die niedrige Zustimmungsrate durch die

Familienangehörigen ist der eindeutig limitierende

Faktor bei der Organspende– da muss man

ansetzen“, fordert der Chefarzt.

 

Der Autor ist erreichbar unter Telefon (0571) 882

201 oder Sebastian.Radermacher@MT.de

 

Voraussetzungen für eine Organspende

 

Eine Organspende nach dem Tod (postmortale

Organspende) ist nur möglich, wenn bei der

verstorbenen Person der unumkehrbare Ausfall der

gesamten Hirnfunktionen (Hirntod) festgestellt

wurde. Die Bezeichnung „Hirntod“ beschreibt einen

besonderen Zustand, bei dem die Gesamtfunktion

des Großhirns, Kleinhirns und Hirnstammes

unwiederbringlich und unumkehrbar ausgefallen ist.

 

Mit der Diagnose Hirntod ist der Tod des Menschen

nach neurologischen Kriterien sicher festgestellt

–eine Rückkehr ins Leben ist ausgeschlossen. Das

Herz-Kreislauf-Systemeiner hirntoten Person kann

durch intensivmedizinische Maßnahmen für eine

begrenzte Zeit künstlich aufrechterhalten werden.

Auf diese Weise werden Organe weiter durchblutet

und können so für eine Transplantation

entnommen werden.

 

Ist hingegen das Herz

Kreislauf-Systemzusammen gebrochen, werden die

Organe aufgrund der fehlenden Durchblutung und

Sauerstoffversorgung zunehmend geschädigt, sodass

sie nicht mehr übertragen werden können. Sollen

keine Organe gespendet werden, werden nach der

Diagnose Hirntodalle intensivmedizinischen

Maßnahmen zeitnah eingestellt.

 

Wer die eigene Entscheidung in einem

Organspendeausweis festhält, schafftKlarheit und

erspart seinen Angehörigen unter Umständen eine

große Belastung: Denn wurde die Entscheidung für

oder gegen eine Organ- und Gewebespende zu

Lebzeiten nicht getroffen oder nicht dokumentiert,

bleibt sie den Angehörigen überlassen. Kennen

diese den Willen der verstorbenen Person nicht, ist

es schwer, in ihrem Sinne zu entscheiden.

(Quelle: www.organspendeinfo.de)

 

Prof. Dr. Jörg Radermacherwar 15 Jahre lang

Transplantationsbeauftragter am Klinikum Minden.

Anfang dieses Jahres haben Oberärztin Dr. Tina

Meister (Operative Intensivstation) und Oberarzt Dr.

Sebastian Heidemeyer (Kardiologie/Intensiv) diese

Aufgabe übernommen. (rad)

 

Kommentar

 

Zumutbare Entscheidung Thema: Organspende

–ja oder nein?

 

Von Sebastian Radermacher

 

10.000 Menschen in Deutschland warten auf ein

Spenderorgan –teilweise bis zu acht (!) Jahre. Sie

benötigen Hilfe ihrer Mitmenschen, um überleben zu

können.Sollte also jeder bereit sein, nach dem Tod

seine Organe zur Verfügung zu stellen?Wer sich

diese Zahl vor Augen hält, sollte keine Sekunde

zögern –und ein „Ja“ im Organspendeausweis

ankreuzen.

Keine Frage, es ist ein sensibles Thema. Zum einen

musssich jeder, der sich über Organspenden

Gedanken macht,automatisch auch mit dem eigenen

Tod auseinandersetzen.Zum anderen ist das

Misstrauen immer noch groß,seitdem bekannt

wurde, dass Ärzte mit manipulierten Akten ihre

Patienten auf den Wartelisten nach oben bugsieren

wollten.

Jedem mündigen Bürger ist es aber zuzumuten, sich

zu entscheiden. Und egal, ob er für oder gegen

Organspenden ist: Wichtig ist, dass er sich

überhaupt festlegt. Denn sonst überlässt er dies

allein den Angehörigen –und die haben im Todesfall

andere Gedanken im Kopf, als eine solche

Entscheidung zu treffen. Das ist einer der

Hauptgründe, weshalb die Ablehnungsquote

weiterhin hoch ist.

Die von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU)

angestoßene Widerspruchsregelung wäre ein

gewaltiger Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht

des Menschen. Jeder wäre nach dem Tod ein

potenzieller Spender, sofern er zuvor nicht explizit

widersprochen hat. Trotzdem ist der Ansatz richtig

und sinnvoll, denn er schließt die Menschen ein, die

Organe spenden würden, dies aber nicht

dokumentiert haben –aus welchen Gründen auch

immer. Und der freie Wille bliebe ja vorhanden: Ein

„Nein“ bliebe ein „Nein“. In den meisten Ländern

Europas hat sich diese Regelung bewährt,

Deutschland hinkt hinterher. Hoffentlich nicht mehr

lange.

 

 

Mehr Zeit und Geld für Organspenden

 

Oft scheitern mögliche Entnahmen an Hindernissen

in den Krankenhäusern –das soll sich bald ändern

Berlin/Minden (dpa/rad) Mehr Zeit,mehr Geld,

mobile Expertenteams für kleine Krankenhäuser: Um

zu mehr lebensrettenden Organspenden in

Deutschland zukommen, sollen in Kliniken bessere

Bedingungen geschaffen werden. Darauf zielt ein

Gesetz von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU),

das der Bundestag mit breiter Mehrheit beschlossen

hat und das voraussichtlich im April in Kraft treten

soll. Konkret geht es darum,mehr geeignete

Spenderfinden zu können.„Das gibt den 10.000

Patienten Hoffnung,die auf ein Spenderorgan

warten“, sagte

Spahn. Unabhängig davon läuft im Bundestag eine

Diskussion über neue Regeln,wie sich mehr

Menschen überhaupt über eine Bereitschaft zum

Organspenden klar werden können. Die

Voraussetzungen in den bundesweit rund 1.300

Krankenhäusernf ür Organ-Entnahmen sind aber ein

entscheidender Schlüssel,wie auch Ärzte sagen. Hier

setzt das Gesetz an. Ein Überblick:

Mehr Zeit Seit 2012müssen alle Kliniken

Transplantationsbeauftragte haben, die sich um

Organspenden kümmern–also dass mögliche

Spender identifiziert und gemeldet

werden,Angehörige eine Begleitung bekommen und

auch Ärzte und Pfleger bei dem Thema auf dem

Laufenden bleiben. Künftig sollen die Beauftragten

verbindlich von anderen Aufgaben befreit werden

–durch einheitliche Vorgaben, die sich nach der

Bettenzahl in Intensivstationen richten. In Minden ist

dies bereits der Fall, wie Prof. Dr. Jörg Radermacher

im Kreis-Gesundheitsausschuss berichtete. Die

beiden Transplantationsbeauftragten teilen sich eine

halbe Stelle für diese Aufgaben.

Mehr Geld Kliniken soll der ganze Prozess von

Organspenden besser vergütet werden.Jetzige

Pauschalen seien nicht kostendeckend, und

Engagement führe systematisch zu Verlusten,sagte

SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach. Das solle sich

ändern,ohne damit Gewinne zu machen. „Wir geben

etwas mehr Geld aus,aber wir sparen

auch“,erläuterte er. So seien Folgekosten

ausbleibender Transplantationen teils höher, etwa bei

dauerhafter Blutreinigung wegen schwerer

Nierenerkrankungen. Laut Entwurf dürften auf die

gesetzlichen Krankenkassen geschätzte Ausgaben

von jährlich mehr als 30Millionen Euro zukommen.

Mobile Expertenteams Geplant ist ein neuer

Bereitschaftsdienst mit mobilen Ärzteteams. Das soll

gewährleisten, dass die medizinischen

Voraussetzungen für Entnahmen überall festgestellt

werden können. Damit will man vermeiden, dass

Spenden in kleinen Kliniken ohne eigene Experten

sonst scheitern. Bis Ende2020sollend ie Akteure des

Gesundheitswesens „eine geeignete Einrichtung“ mit

der Organisation beauftragen.

Weitere Punkte Erleichtert werden soll auch ein

Austausch zwischen Betroffenen –mit Regeln für

anonymisierte Schreiben, mit denen sich

Organempfänger bei den Angehörigen von

Organspendern bedanken können. Kommen soll

auch ein bundesweites Dokumentationssystem der

Kliniken. Erfasst und ausgewertet werden sollen

damit zum Beispiel Gründe, warum ein Ausfall von

Hirnfunktionen nicht festgestellt wurde.

 

 

 

Organspende: Widerspruchslösung in England eingeführt

Mittwoch, 27. Februar 2019

London – Englische Parlamentarier haben laut Medienberichten vom Dienstagabend ein Gesetz zur Neuregelung von Organspenden verabschiedet. Demnach soll künftig von der Zustimmung des möglichen Spenders ausgegangen werden, wenn nicht explizit dessen Widerspruch vorliegt. Bislang gilt in England die Zustimmungsregelung, laut der das explizite Einverständnis des Organspenders nötig ist.

England folgt damit dem Beispiel von Wales, wo die Widerspruchsregelung im Jahr 2015 eingeführt wurde. Seitdem sind dort die Zustimmungsraten für Organspenden auf 75 Prozent gestiegen. Auch das schottische Parlament wird eine Überarbeitung der Regelung in dieser Woche diskutieren.

Regierungsminister argumentieren, dass die Änderung der Gesetzgebung, die mit

Jahresbeginn 2020 in Kraft treten soll, allein in England bis zu 700 Leben pro Jahr retten

könnte. In Großbritannien stehen derzeit rund 6.000 Menschen auf der

Transplantationsliste. Im vergangenen Jahr starben mehr als 400 Patienten, während sie

auf ein geeignetes Organ warteten.

Das Gesetz wird laut Medienberichten als „Max und Keiras Gesetz“ bezeichnet werden –

nach dem Mädchen, dessen transplantiertes Herz den Jungen Max gerettet hat. Die Eltern

beider Kinder und der gerettete Junge hatten sich für eine Änderung der Gesetzgebung

engagiert. © kna/aerzteblatt.de

 

 

Ärzteschaft

Pulmologen treten für Widerspruchslösung bei Organspenden ein

Dienstag, 26. Februar 2019

Berlin – Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) hat die Pläne der Politik begrüßt, das Transplantationsgesetz zu verändern und damit unter anderem die Transplantationsbeauftragen an deutschen Kliniken zu stärken. „Das neue Transplantationsgesetz ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung“, sagte Jürgen Behr, Kongresspräsident des 60. DGP-Kongresses, der Anfang März in Berlin stattfindet. „Ob es ausreicht, um die Versorgung schwerstkranker Lungenpatienten zu verbessern, ist fraglich“, schränkte er jedoch ein.

Jedes Jahr erhalten laut der Fachgesellschaft über 300 Menschen in Deutschland eine oder zwei Spenderlungen. Gleichzeitig würden pro Jahr mehr als 400 Patienten neu für eine Transplantation angemeldet. Für viele Menschen mit Lungenversagen sei diese Transplantation die letzte Hoffnung auf Überleben.

Die Lungen­trans­plan­ta­tion ist ein komplexes Therapieverfahren mit erheblichen Risiken, weshalb nur Patienten mit fortgeschrittenen Lungenerkrankungen für diese Behandlung in Betracht kommen, wenn alle anderen Therapieoptionen ausgeschöpft sind“, sagt Behr, der die Medizinische Klinik und Poliklinik V am Klinikum der Universität München und die Asklepios-Lungenfachklinik München-Gauting leitet.

Wartezeit variiert zwischen Tagen und Jahren

Wie lange es dauert, bis einem Patienten eine Spenderlunge angeboten wird, hängt von verschiedenen Faktoren ab: Größe und Blutgruppe gehören laut der DGP zu den Basiskriterien. Zusätzlich berechnet der sogenannte Lungen-Allokations-Score, wie dringend jemand eine Transplantation braucht und wie hoch die Erfolgsaussichten sind. Für manche wird nach wenigen Tagen schon ein passender Spender gefunden, andere warten bis zu drei Jahren. „Wenn man bedenkt, dass viele dieser Patienten nicht mehr selbstständig atmen können, sind die Wartezeiten immer noch sehr, sehr lang“, betonte der Kongresspräsident.

Die Fachgesellschaft unterstützt daher die sogenannte Widerspruchslösung bei den Organspenden: „Überall dort, wo Organspende auf der gesetzlichen Grundlage der sogenannten Widerspruchslösung geregelt ist, sind die Organspenderzahlen deutlich höher als in Ländern mit Zustimmungs- oder Entscheidungslösung“, sagte Behr.

Die Zahl der Organspender in Deutschland ist erstmals seit 2010 wieder merklich gestiegen. Bundesweit haben im vergangenen Jahr 955 Menschen nach ihrem Tod ihre Organe gespendet, teilte die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) mit. Das entspricht 11,5 Spendern pro einer Million Einwohner. Im Vergleich zum Vorjahr (797 Spender) bedeutet das eine Steigerung von knapp 20 Prozent. © hil/aerzteblatt.de

 

 

 

             NOZ: Neue Patientenbeauftragte fordert

              Widerspruchslösung bei Organspenden

Neue Osnabrücker Zeitung

Dienstag der 19. Februar 2019 - 1:00 Uhr

Osnabrück (ots) - Neue Patientenbeauftragte fordert Widerspruchslösung bei Organspenden

Schmidtke: Klar dafür - Unterstützung für Spahn im Streit über mehr Arzt-Sprechstunden - Ruf nach Ärzte-Bussen auf dem Land

Osnabrück. Zur Überwindung des Organspende-Notstandes fordert die neue Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Claudia Schmidtke (CDU), eine Widerspruchslösung, bei der Spender oder deren Angehörige eine Entnahme ablehnen müssen. "Angesichts der vielen tausend Menschen, die in Deutschland verzweifelt auf ein Spenderorgan warten, halte ich diese Pflicht für zumutbar", sagte Schmidtke im Interview mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung". "Wir dürfen dabei nicht vergessen, dass jeder von uns schon morgen in diese Situation kommen und auf ein Organ angewiesen sein könnte."

Auch bei einer Widerspruchslösung "bleibt die Spende wie bisher freiwillig", betonte die Herzchirurgin und Bundestagsabgeordnete. "Jede Person hat die Möglichkeit, einer Organspende einfach und unbürokratisch zu widersprechen." Auch wenn sie "klar für die Widerspruchsregelung" sei, respektiere sie die Gegenpositionen und hoffe auf eine "Auseinandersetzung mit Fairness" im Bundestag und eine "Grundsatzentscheidung". Schmidtke sagte: "Das sind wir den vielen Menschen, die auf ein Spenderorgan warten, einfach schuldig."

Im Streit von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn mit der Ärzteschaft über eine Ausweitung der Sprechstunden stellte sich Schmidtke hinter den CDU-Politiker: Lange Wartezeiten auf Facharzttermine seien "ein häufiges Thema" für Patienten, berichtete sie. Eine Umfrage des Krankenkassenverbandes GKV habe gezeigt, dass "ein Teil der Ärzte" weniger als 20 Stunden in der Woche anbiete. "Hier kann die Ausweitung der Sprechstunden einen Beitrag zu einer Verbesserung der Patientenversorgung leisten", sagte Schmidtke der "NOZ". Zugleich verwies sie darauf, dass etwa Hausärzte schon heute mehr als 30 Wochenstunden Sprechzeiten anböten.

Um eine gute Versorgung von Kranken auf dem Lande zu garantieren, forderte die Patientenbeauftragte "eine bessere Verzahnung von ambulanten und stationären Strukturen, aber auch mobile Angebote der Ärzte, wie der Ärztebus". Notwendig sei auch eine Reform des Medizinstudiums. "Es muss das Ziel sein, junge Menschen schon während des Studiums für eine ärztliche Tätigkeit auf dem Land zu begeistern", appellierte die Schleswig-Holsteinerin. Alarmiert zeigte sich Schmidtke über Klagen von Pflegefachkräften, die neuen Personaluntergrenzen würden zum Abbau von Stellen genutzt, wenn Kliniken das gesetzliche Minimum überträfen. "Die Personaluntergrenzen sind keine staatliche Legitimation zum Abbau von Pflegekräften, sondern das Gegenteil", sagte sie. Um mehr Menschen für den Pflegeberuf zu begeistern, gelte es auch, "die Entlohnung zu verbessern und die Ausbildung sowie den Beruf insgesamt noch attraktiver zu machen."

Pressekontakt: Neue Osnabrücker Zeitung Redaktion Telefon: +49(0)541/310 207

 

15. Febraur 2019

Große Wissenslücken beim Thema Organspende

Köln – Rund um das Thema Organspende gibt es nach einer Umfrage große Wissens­lücken. Jeder dritte Bundesbürger (32 Prozent) weiß nicht, dass in Deutschland der Hirntod zwingende Voraussetzung für eine Organspende ist, wie aus der heute vom WDR in Köln veröffentlichten Befragung hervorgeht. Sie seien der Ansicht, Organe könnten entnommen werden, wenn das Hirn noch arbeitet, während das Herz stillstehe.

Organspenden finden aber statt, wenn das Hirn irreversibel ausfällt und das Herz noch schlägt. Doch 40 Prozent von gut 1.000 Befragten waren nach den Angaben der Meinung, unter diesen Umständen dürften keine Organe entnommen werden. Selbst Besitzer eines Organspendeausweises wüssten nicht besser Bescheid über das Hirntodkriterium als die Befragten ohne Ausweis. Am Dienstag berichtet die Sendung „Quarks“ im WDR-Fernsehen ab 21.00 Uhr über die von ihr in Auftrag gegebene Befragung von infratest dimap.

 „Die Ergebnisse zeigen, dass selbst die Gruppe, die sich mit der Thematik befasst haben sollte, ehe sie den Organspendeausweis ausgefüllt hat, nicht nachhaltig genug aufgeklärt ist“, sagte die Direktorin des Nationalen Instituts für Wissenschafts­kommunikation, Beatrice Lugger. Fast die Hälfte der Menschen ab 65 Jahren (46 Prozent), die keinen Ausweis haben, begründeten dies nach den Angaben mit ihrem Alter, obwohl es für eine Organspende gar keine Altersgrenze mehr gebe.

21 Prozent der Befragten ohne Ausweis haben sich den Angaben zufolge mit dem Thema Organspende noch nicht beschäftigt. „Angesichts der derzeitig geringen Informiertheit der Bevölkerung“ ist nach Ansicht Luggers die in der Diskussion stehende Widerspruchslösung kritisch zu betrachten. Bislang ist nur Organspender, wer dies ausdrücklich dokumentiert. Eine Widerspruchslösung würde dies umkehren: Bis zum Widerspruch wäre jeder ein potenzieller Spender. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) favorisiert eine solche Regelung.

Auch die Deutsche Stiftung Patientenschutz wertete die Zahlen als Argument gegen die Widerspruchslösung. Sie setze darauf, dass „der Bürger sich mit der Organspende nicht beschäftigt und schweigt“, sagte Vorstand Eugen Brysch in Dortmund. Die bewusste Entscheidung für die Organspende würde damit faktisch abgeschafft.

Brysch betonte, eine Organspende müsse eine bewusste und freiwillige Entscheidung bleiben. „Es kann sehr persönliche Gründe geben, sich gegen die Organspende zu entscheiden. Diese Menschen dürfen sich für ihre Haltung nicht rechtfertigen müssen.“ Wolle der Staat wirklich etwas für die Schwerstkranken auf der Warteliste tun, müsse er selbst Verantwortung übernehmen. „Deshalb muss der Bundestag sowohl für die Verteilungsgerechtigkeit als auch für die staatliche Organisation und Kontrolle sorgen.“

Gestern hatte der Bundestag Das „Zweite Gesetz zur Änderung des Transplantations­gesetzes – Verbesserung der Zusammenarbeit und der Strukturen bei der Organspende (GZSO)“ mehrheitlich beschlossen. Mit dem  Gesetz sollen zunächst einmal die strukturellen und finanziellen Voraussetzungen in den Entnahmekrankenhäusern für eine optimale Organspende geschaffen werden. Konkret sollen die Transplantationsbeauftragten mehr Befugnisse erhalten und von ihren sonstigen Aufgaben im Entnahmekrankenhaus freigestellt werden – und zwar anteilig in Abhängigkeit von der Anzahl der in einem Entnahmekrankenhaus vorhandenen Intensivbehandlungsbetten. Diese anteilige Freistellung soll den betroffenen Krankenhäusern künftig vollständig refinanziert werden. © kna/aerzteblatt.de

 

15.Febraur 2019

Spahn: Die Zahl der Organspenden kann weiter steigen

Zweites Gesetz zur Änderung des Transplantationsgesetzes - Verbesserung der Zusammenarbeit und der Strukturen bei der Organspende

Krankenhäuser sollen mehr Zeit und Geld für Organtransplantationen bekommen. Das ist Ziel einer Gesetzesänderung, die der Bundestag am 14.02.2019 abschließend beraten hat. Damit soll die Zahl der Organspenden erhöht und so mehr Menschenleben gerettet werden. „Die gestiegenen Organspende-Zahlen sind gut, aber nicht gut genug“, betonte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn im Bundestag.

Alle acht Stunden stirbt ein Mensch auf der Warteliste, weil kein passendes Spender-Organ gefunden wird. Das muss sich ändern! Mit dem "Zweiten Gesetz zur Änderung des Transplantationsgesetzes – Verbesserung der Zusammenarbeit und der Strukturen bei der Organspende" sollen künftig mehr Leben durch eine Organspende gerettet werden können. Das nicht zustimmungspflichtige Gesetz kann nach dem zweiten Durchgang im Bundesrat Anfang April 2019 in Kraft treten.

„Gut, dass sich der Deutsche Bundestag so schnell entschieden hat, die Bedingungen für Organspenden zu verbessern. Wir geben den Krankenhäusern mehr Zeit und Geld, geeignete Spender zu finden. Damit kann die Zahl der Organspenden weiter steigen. Das gibt den 10.000 Patienten Hoffnung, die auf ein Spenderorgan warten.“

 

Eine Schlüsselrolle zur Erhöhung der Organspenden in Deutschland spielen die

Krankenhäuser, in denen Organe entnommen werden. Gut funktionierende Abläufe bei der

Erkennung möglicher Organspender, mehr Zeit und eine gute Finanzierung können dazu

beitragen, mehr Menschenleben zu retten. Hier setzt unser Gesetzentwurf an, den das

Bundeskabinett am 31. Oktober 2018 verabschiedet hat und der am 14. Februar 2019 in

zweiter und dritter Lesung vom Deutschen Bundestag abschließend beraten wurde. Nach

dem zweiten Durchgang im Bundesrat kann das nicht zustimmungspflichtige Gesetz Anfang

April 2019 in Kraft treten.

 

Die Regelungen des Gesetzes im Einzelnen

Transplantationsbeauftragte (TxB)

  • Es gibt verbindliche Vorgaben für die Freistellung der Transplantationsbeauftragten.

  • Die Freistellung erfolgt auf der Grundlage der Anzahl der Intensivbehandlungsbetten in den Entnahmekrankenhäusern für einen Stellenanteil von 0,1 Stellen je 10 Intensivbehandlungsbetten.

  • Hat ein Entnahmekrankenhaus mehr als eine Intensivstation, ist für jede Station mindestens ein TxB zu bestellen.

  • Der Aufwand wird vollständig refinanziert. Die Krankenhäuser müssen die Mittelverwendung nachweisen.

  • TxBs erhalten Zugangsrecht zu den Intensivstationen und sind hinzuzuziehen, wenn Patienten nach ärztlicher Beurteilung als Organspender in Betracht kommen.

  • Ihnen sind alle erforderlichen Informationen zur Auswertung des Spenderpotentials zur Verfügung zu stellen.

  • TxBs sind für die fachspezifische Fort- und Weiterbildung freizustellen; die Kosten dafür trägt die Klinik.

Entnahmekrankenhäuser

  • Entnahmekrankenhäuser werden künftig für den gesamten Prozessablauf einer Organspende besser vergütet.

  • Sie erhalten einen Anspruch auf pauschale Abgeltung für die Leistungen, die sie im Rahmen des Organspendeprozesses erbringen.

  • Zusätzlich erhalten sie einen Zuschlag dafür, dass ihre Infrastruktur im Rahmen der Organspende in besonderem Maße in Anspruch genommen wird. Der Zuschlag beträgt das Zweifache der berechnungsfähigen Pauschalen.

Rufbereitschaft 

  • Bundesweit bzw. flächendeckend wird ein neurologischer/neurochirurgischer konsiliarärztlicher Rufbereitschaftsdienst eingerichtet.

  • Dieser soll gewährleisten, dass kleineren Entnahmekrankenhäusern jederzeit qualifizierte Ärzte bei der Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls zur Verfügung stehen.

  • Die TPG-Auftraggeber (GKV-Spitzenverband, Deutsche Krankenhausgesellschaft und Bundesärztekammer) werden verpflichtet, bis Ende 2020 eine geeignete Einrichtung mit der Organisation dieses Bereitschaftsdienstes zu beauftragen.

Dokumentation

  • Ein neues klinikinternes Qualitätssicherungssystem schafft die Grundlage für ein flächendeckendes Berichtssystem bei der Spendererkennung und Spendermeldung.

  • Dabei sollen die Gründe für eine nicht erfolgte Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls oder eine nicht erfolgte Meldung an die Koordinierungsstelle (DSO) intern erfasst und bewertet werden.

  • Die Daten sollen von der Koordinierungsstelle ausgewertet werden. Die Ergebnisse sollen den Entnahmekrankenhäusern und den zuständigen Landesbehörden übermittelt und veröffentlicht werden.

  • Die Kliniken müssen zukünftig verbindliche Verfahrensanweisungen erarbeiten, mit der die Zuständigkeiten und Handlungsabläufe für den gesamten Prozess einer Organspende festgelegt werden.

Angehörigenbetreuung

  • Das Gesetz schafft eine klare rechtliche Grundlage für den Austausch von anonymisierten Schreiben zwischen Organempfängern und den nächsten Angehörigen der Organspender. Ein solcher Austausch ist vielen Betroffenen ein besonderes persönliches Anliegen.

 

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Die Glocke 13.02.2019

 

 

14.02.2019

Neues Gesetz zu Organspenden

Mehr Geld eingeplant

Ein neues Gesetz soll die Chancen auf eine Organspende erhöhen. Auch sind höhere Vergütungen für Kliniken geplant, die Transplantationen durchführen.

BERLIN dpa/epd | Krankenhäuser in Deutschland sollen mehr Geld und bessere Bedingungen bekommen, um sich stärker um Organspenden kümmern zu können. Das sieht ein Gesetz von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vor, das der Bundestag am Donnerstag beschlossen hat. Dafür stimmten neben der Koalition auch Linke, Grüne und FDP, die AfD votierte dagegen.

Geplant sind höhere Vergütungen für die Kliniken. Transplantationsbeauftragte sollen mehr Kompetenzen und Freiräume bekommen. Mobile Ärzteteams sollen kleineren Einrichtungen ohne eigene Experten helfen, Voraussetzungen für Entnahmen festzustellen.

Spahn sprach von einem großen und wichtigen Schritt. Diejenigen, die sich in den Krankenhäusern um Organspenden kümmerten, sollten nicht bestraft werden. Es gelte, Kliniken fair so zu stellen, dass bei ihnen keine Kosten hängen blieben. SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach sagte: „Wir wollen, dass dort keine Gewinne gemacht werden, aber wir wollen auch nicht, dass jemand Verluste macht.“ Auch von Rednern der Opposition kam zu den Kernpunkten der Pläne überwiegend Zustimmung.

Das Gesetz soll voraussichtlich Anfang April in Kraft treten. Zustimmungspflichtig im Bundesrat ist es nicht. Unabhängig davon läuft eine Diskussion darüber, ob und wie Entscheidungen der Bürger über Organspenden grundlegend neu geregelt werden sollen. Die Zahl der Organspenden ist nach langem Abwärtstrend 2018 wieder gestiegen.

Eine Studie mit dem Titel „Rückgang der Organspenden in Deutschland – Eine bundesweite Sekundärdatenanalyse aller vollstationären Behandlungsfälle“ zeigt an welchen Stellen es intern im Sependenprozess hackt. Die zehn Forscher kommen zu dem Schluss, dass der zuletzt gestoppte Rückgang der postmortalen Organspenden vor allem mit einem Erkennungs- und Meldedefizit der Entnahmekrankenhäuser zusammenhängt. „Gelingt es, diesen Prozess organisatorisch und politisch zu stärken, könnte die Zahl der gespendeten Organe erheblich gesteigert werden“ – genau das soll das neue Gesetz bewirken.

 

Westfalen Blatt 15.02.2019

 

Mehr Zeit und Geld für Organspenden Neues Gesetz

soll bessere Bedingungen in Entnahme-Kliniken

schaffen

 

Berlin (dpa). Um zu mehr lebensrettenden Organspenden in Deutschland zu

kommen, sollen Kliniken dafür künftig bessere Bedingungen erhalten. Mehr Zeit,

mehr Geld, mobile Expertenteams für kleine Krankenhäuser: Darauf zielt ein

Gesetz von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), das der Bundestag gestern

mit breiter Mehrheit beschlossen hat. Es geht darum, mehr geeignete Spender

finden zu können. Die Voraussetzungen in den bundesweit rund 1300

Krankenhäusern für OrganEntnahmen sind ein entscheidender Schlüssel. Das

Gesetz soll voraussichtlich Anfang April in Kraft treten. Zentrale Punkte sind:

 

Mehr Zeit: Seit 2012 müssen alle Kliniken Transplantationsbeauftragte haben, die

sich speziell um Organspenden kümmern – also mögliche Spender identifizieren

und melden, Angehörige begleiten sowie Ärzte und Pfleger regelmäßig bei dem

Thema auf dem Laufenden halten. Sie sollen künftig verbindlich von anderen

Aufgaben befreit werden.

 

Mehr Geld: Kliniken soll der ganze Prozess von Organspenden besser vergütet

werden. Jetzige Pauschalen seien nicht kostendeckend, Engagement führe

systematisch zu Verlusten, sagte SPDFraktionsvize Karl Lauterbach.

 

Das solle sich ändern, ohne damit Gewinne zu machen. Laut Entwurf dürften auf

die gesetzlichen Krankenkassen geschätzte Ausgaben von mehr als 30 Millionen

Euro im Jahr zukommen.

 

Mobile Expertenteams: Geplant ist ein neuer Bereitschaftsdienst mit mobilen

Ärzteteams. Das soll gewährleisten, dass die medizinischen Voraussetzungen für

Entnahmen überall festgestellt werden können: der endgültige, nicht behebbare

Ausfall der Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms.

Das soll vermeiden, dass Spenden in kleinen Kliniken ohne eigene Experten sonst

scheitern. Bis Ende 2020 sollen die Akteure des Gesundheitswesens

nun »eine geeignete Einrichtung« mit der Organisation beauftragen.

 

Weitere Punkte: Erleichtert werden soll auch ein Austausch zwischen Betroffenen

– mit Regeln für anonymisierte Schreiben, mit denen sich Organempfänger bei

den Angehörigen von Spendern bedanken können. Kommen soll auch ein

bundesweites Dokumentationssystem der Kliniken. Erfasst und ausgewertet

werden sollen damit zum Beispiel Gründe, warum ein Ausfall von Hirnfunktionen

nicht festgestellt wurde.

 

 

Nierenlebendspende: Geschenk fürs Leben

Die Zahl der Organspenden ist viel zu niedrig, Patienten warten Jahrzehnte auf eine Transplantation - und oft vergebens. Michael W. hatte Glück. Er bekam die Niere seines besten Freundes

von Sonja Gibis, 14.02.2019

Geschafft: Die Operation ist gut verlaufen. Günters Niere hat ihre Arbeit im Körper von Michael (links) aufgenommen

© W&B/Sven Döring

Günter W. (41) hebt sein hellgrünes OP-Hemd und klopft sich auf die Flanke. "Die rechte, die wird’s", sagt er und lacht. In ein paar Stunden werden Ärzte des Uniklinikums Halle eine Niere aus seinem Körper schneiden und in den von Michael W. (36) pflanzen. Geht alles gut, wird sie dort sofort die Aufgaben übernehmen, zu denen dessen Organe nicht mehr ­fähig sind. Seit sieben Jahren hängt Michael an der Dialyse. "Ohne die Maschine wäre ich nicht mehr", sagt der junge Mann. Bis irgendwann der Anruf kommt, dass eine Spenderniere verfügbar ist, müsste er wohl noch Jahre warten. Wäre da nicht Günter.

Etwa 8000 Menschen in Deutschland warten auf eine neue Niere. 1364 erhielten im vorigen Jahr das Organ eines ­toten Spenders, 557 das eines lebenden. Als Spender infrage kommen vor allem nahe Angehörige. Doch auch Menschen, die dem Empfänger "in besonderer persönlicher Verbundenheit nahestehen", wie es im Transplantationsgesetz heißt, können spenden.

Ein Kreuz auf jedem Bauch

Während Günter erzählt, betritt ein Arzt den Raum und malt ihm ein Kreuz auf die Seite. Hier wird die Niere rausgeholt. Michael bekommt ein Kreuz auf den Bauch. Dort kommt die Niere rein. "Dann hast du von mir eine Beule am Bauch", scherzt Günter. Lachen, Witze machen, das ist ihre Art, mit schwierigen Dingen klarzukommen.

Gar nicht nach lachen war es Günter allerdings, als er von der Krankheit seines Freundes erfuhr. Als Michael Ende 20 war, stellt ein Arzt zufällig fest, dass die Nieren nur eingeschränkt arbeiten. "Vielleicht durch eine verschleppte Grippe", vermutet er. Der junge, sportliche Mann macht sich erst mal keine Sorgen.

Als erneut die Nierenwerte getestet werden, ist es zu spät. Michael ist auf eine Blutwäsche angewiesen. Dreimal die Woche muss er ins Krankenhaus, für viereinhalb Stunden. "Danach ist man total platt", berichtet er. Nierenversagen, das bedeutet zudem, dauernd Durst zu haben. Einen halben Liter, mehr darf Michael pro Tag nicht trinken. Seine Nieren scheiden keine Flüssigkeit mehr aus. Dazu kommt eine strenge Diät. Zu viel Kalium – und das Herz könnte versagen.

Seine Frau, die er während der Dia­lysezeit kennenlernte, würde eine Niere spenden. Doch sie hat zwei Kinder. "Der Nierenspezialist sagte gleich, das Risiko ist ihm zu groß", erzählt Michael.

Als Günter erfährt, dass auch er spenden kann, steht für ihn schnell fest: Das mach ich. Michael zweifelt. "Reden kann man viel. Ich habe erst nicht daran geglaubt." Nur langsam wird ihm klar, dass sein Freund ihm wirklich ein neues Leben schenken will.

Lange Liste von Untersuchungen

Zumal der Weg nicht leicht war. Bluttests, Herzecho, Bauch-CT, Nieren-Szintigramm: Günter kann sich an die lange Liste von Untersuchungen kaum erinnern. Schließlich muss sich seine Niere nicht nur für Michael eignen. Es muss auch feststehen, dass sein Körper in der Lage ist, auf das Organ zu verzichten.

Damit ein gesunder Mensch ein Or­gan spenden kann, muss überdies eine Ethikkommission zustimmen. Sie besteht aus einem Arzt, einem Psychologe, einem Juristen. Alle stellen Fragen: erst Spender und Patient gemeinsam, dann jedem getrennt. Es muss fest­stehen, dass Günter Entschluss freiwillig ist und er kein Geld dafür bekommt. Außerdem muss klar sein, dass beide das psychisch bewältigen.

Gespräch mit der Kommission

Die Experten wollen wissen, wie lange sie sich schon kennen. Ob sie ernste Gespräche führen über das, was sie vorhaben. Was, wenn die OP kein Erfolg ist? Was, wenn Michael seine Medi­kamente nicht regelmäßig nimmt und das Organ verliert? "Ich sagte: Das ist dann seine Niere – und seine Verantwortung", so Günter. Doch war es das, was die Fachleute hören wollten?

Als Günter den Raum verlässt, hat er Tränen in den Augen. Auch Michael kommt niedergeschlagen aus der Befragung. "Ich dachte, die sagen Nein." Doch es kommt anders. Die Kommission wünscht den beiden viel Glück. Die Tür zum Krankenzimmer öffnet sich, eine Schwester schiebt eine Maschine herein: ein Dialysegerät. Es könnte die letzte Blutwäsche für Michael sein – für viele Jahre, vielleicht sogar für immer. Ob die beiden aufgeregt sind?

Michael winkt ab. "Die wissen, was sie tun." Nur eins, das wäre hart: "Wenn sie Günter die Niere rausnehmen und mein Körper stößt sie ab." Sein Freund hätte für ihn ein Organ geopfert – vergebens. Besser nicht daran denken.

Am nächsten Tag, kurz vor 9 Uhr. Während im Raum nebenan die Arme des OP-Roboters in Position gebracht werden, präparieren die Chirurgen Günters Niere frei. Sie blicken dabei auf einen Monitor, auf den eine Kamera Bilder aus dem Körper­inneren überträgt. Die Eingriffe werden minimal-invasiv durchgeführt. "Darauf sind wir durchaus stolz", sagt Professor Paolo Fornara, Transplantationsexperte und Leiter der Urologischen Klinik des Uniklinikums Halle. Dem Spender bleibt so ein fast 20 Zentimeter langer Schnitt erspart. Beim Empfänger verringert sich das Risiko für Wundinfektionen. Da sein Immunsystem gehemmt wird, ist das besonders wichtig.

Die Niere kommt

Um 10.32 Uhr beginnt die heiße Phase. Die Blutgefäße der Niere werden abgeklemmt. Jetzt muss jeder Griff sitzen. Eine, höchstens eineinhalb Minuten darf es dauern, bis die Ärzte eine kalte Infusion in das Organ geleitet haben, die es konserviert. "Die Niere kommt", ruft Operateur Dr. Nasreldin Mohammed. Durch einen kleinen Schnitt zieht er das Organ behutsam aus dem Körper, hält es in den Händen wie einen verletzten Vogel, der schnell Hilfe braucht. Schon beugt sich das Ärzteteam darüber, spült es, näht es vorsichtig in einen kühlenden Mantel aus einem Bauchtuch und Eis. Wärmen wird es erst wieder das Blut in Michaels Körper.

Bis es so weit ist, vergehen nur wenige Minuten – ein Grund, dass die Erfolgsaussichten einer Lebendspende hervorragend sind. Dennoch ist in den vergangenen Jahren nicht nur die Zahl toter Spender drastisch zurückgegangen. Auch Lebendspenden werden seltener durchgeführt. "Die ganze Transplantationsmedizin steckt in der Krise", beklagt Fornara. Eine Folge: Die Wartezeiten auf ein Organ verlängern sich weiter. "Und das ist nicht wie das Warten auf einen Zug. Es bedeutet Komplikationen, Leid, Sterben."

Die Dialyse ermöglicht zwar das Überleben. Auf lange Sicht aber leidet der Körper. Wenn die Patienten ein Organ erhalten, sind die Schäden oft bereits unumkehrbar.

Hightech-Assistenten im Einsatz

"Das System braucht ein Paket an Korrekturen", fordert Fornara. Der erste große Schritt wäre seiner Ansicht nach  die sogenannte Widerspruchslösung: Wer nach ­seinem Tod keine Organ­entnahme wünscht, sollte sich klar dagegen aussprechen müssen. Dass Bundesgesundheitsminister Jens Spahn jetzt eine Reform angestoßen hat – für Fornara längst überfällig.

Im OP-Saal nebenan ist bereits alles für das Einsetzen des Organs vorbereitet. Operateur Dr. André Schumann sitzt einige Meter von Michael entfernt an einer Konsole. Per Joystick steuert er die OP-Geräte, in denen die Arme des Roboters enden, ohne Zittern und auf Millimeterbruchteile genau. Der Hightech-Assistent macht es möglich, das Organ minimal-invasiv einzusetzen. Nach ersten Studien des Klinikums bringt die neue Methode tatsächlich Vorteile für den Patienten.

Um 12.05 Uhr sind Gefäße und Harnleiter angeschlossen. Die Klemmen werden geöffnet, das Organ füllt sich mit Michaels Blut. Jetzt ist es seine Niere. Im Gang vor dem OP-Saal wischt eine Schwester die Zahl 2050 von einer weißen Tafel und ersetzt sie durch 2151. So viele Nieren sind im Klinikum jetzt verpflanzt worden. "Wir ändern das immer sofort", sagt sie. Wird es vergessen, gilt das unter den Mitarbeitern als schlechtes Omen, gesteht sie lächelnd.

Leben wie vor der Krankheit

Am nächsten Tag ist vor allem Günter geschafft, während sein Freund am liebsten schon aufstehen würde. "Alles gut", versichern beide.

Zwei Monate später sind die Freunde gemeinsam in der Reha, so wie sie sich das vorgestellt haben. Morgens Fitness, dann zum Schwimmen, später ein Spaziergang am See. "Ich wusste gar nicht, dass ich so weit runterkommen kann", sagt Günter. Er hat die Zeit hier genutzt, um mit dem Rauchen aufzuhören. Auf seine verbliebene Niere will er schließlich gut achtgeben. Dass er nur noch eine hat, spürt er nicht. Was allerdings nervt, ist die viele Bürokratie mit den Krankenkassen.

Michael muss seit der Transplantation Medikamente nehmen, die sein Immunsystem hemmen, damit sein Körper das neue Organ nicht abstößt. Ansonsten kann er fast so ­leben wie vor der Krankheit. Als er aus der Klinik kam, wurde erst mal ge­feiert. "Mein Körper hat wieder eine ganz andere Kraft", sagt er. Beruflich will er jetzt neu durchstarten.
Die Freundschaft der beiden jungen Männer hat sich durch die Organspende nicht geändert. "Wir kabbeln uns wie vorher", erzählt Günter lachend. Sie bleiben einfach, was sie waren: ziemlich beste Kumpel.

 

 

Wegweisendes Urteil des Bundesgerichtshofs zu Organspenden erwartet

Epoch Times27. Januar 2019 Aktualisiert: 27. Januar 2019 12:07

Das eine Organspende für den Empfänger lebenslange schwere gesundheitliche Folgen hat,

ist bekannt. Das auch Lebendspender vor Organen, wie Nieren oder Teilen der Leber, unter

gesundheitlichen Einschränkungen für den Rest ihres Lebens leiden müssen ist dagegen

weitgehend unbekannt. In Karlsruhe wird verhandelt wie weit die Aufklärungspflichten von

Ärzten dazu gehen und ob sie zu Schmerzensgeldzahlungen, bei unzureichender

Aufklärung, verurteilt werden können.

Der Bundesgerichtshof (BGH) verkündet am Dienstag ein Urteil über die Klagen von zwei

Nierenspendern, die wegen ungenügender Aufklärung durch die Ärzte Schmerzensgeld und

Schadenersatz fordern. Der BGH dürfte ein Grundsatzurteil dazu fällen, unter welchen

Voraussetzungen Ärzte und Kliniken für Folgeschäden bei solchen Lebendorganspenden

haften. Ein Überblick über die rechtlichen Grundlagen für solche Spenden und das

Karlsruher Verfahren:

 

Worüber wird in Karlsruhe verhandelt?

In einem Fall spendete eine Tochter ihrem Vater eine Niere, in dem anderen geht es um die

Nierenspende eines Manns an seine Ehefrau. Beide beklagen, dass sie seither unter

anderem an chronischer Erschöpfung leiden. Sie werfen den Ärzten vor, sie nicht

ausreichend aufgeklärt zu haben.

Voraussetzungen für Lebendorganspenden

Zu Lebzeiten können eigentlich nur eine Niere oder Teile der Leber gespendet werden. Eine solche Spende ist zudem nur zwischen Menschen möglich, die sich sehr nahestehen. Das können zum Beispiel Eltern, Geschwister oder Ehepartner sein. Das Gesetz schreibt den Ärzten eine Aufklärung über mögliche Folgen vor. Dabei ist unter anderem vorgesehen, dass bei einem Aufklärungsgespräch ein zweiter Arzt anwesend sein muss.

Welche Rechtsfragen sollen geklärt werden?

Die Klagen der beiden Nierenspender blieben in den Vorinstanzen erfolglos. Das Oberlandesgericht Hamm stellte in den Berufungsverfahren zwar Fehler bei der Aufklärung fest. Es nahm aber an, dass die Kläger auch bei korrekter Aufklärung der Organspende zugestimmt hätten.

Der zuständige BGH-Zivilsenat bezweifelte in der mündlichen Verhandlung im November ebenfalls, dass alle Anforderungen an die Aufklärung der Organspender eingehalten wurden. Entscheidend dürfte deshalb die Frage sein, ob eine sogenannte hypothetische Einwilligung angenommen werden kann. Dabei geht ein Gericht davon aus, dass die Spender auch bei einer ordnungsgemäßen Aufklärung in die Organspende eingewilligt hätten.

Organentnahmen nach dem Tod

Ein Spenderorgan kann nur entnommen werden, wenn Ärzte den Hirntod eines Menschen feststellen. Voraussetzung ist aber, dass ein Verstorbener einer Organspende zu Lebzeiten etwa durch einen Organspendeausweis zustimmte. Ansonsten werden die Angehörigen nach dem mutmaßlichen Willen des Verstorbenen gefragt.

Diskutiert wird derzeit die Einführung einer Widerspruchslösung. Dabei wird eine Zustimmung vorausgesetzt, wenn jemand zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widerspricht. Im Gespräch ist auch eine doppelte Widerspruchslösung, bei der die Angehörigen noch nein sagen können.

(afp)

 

Modifizierte T-Zellen verhindern Abstoßung von Organen nach Transplantation

Wer aufgrund von akutem Organversagen oder durch eine chronische Erkrankung auf eine Organtransplantation angewiesen ist, muss meist ein Leben lang Immunsuppressiva einnehmen, welche das Immunsystem unterdrücken, um ein Abstoßung des transplantierten Organs zu verhindern.

Somit sind Betroffene wesentlich anfälliger für teils lebensbedrohliche Infektionen. Die Wissenschaft sucht bereits seit langer Zeit nach einem Weg, die Abstoßung eines transplantierten Organs zu verhindern, ohne das körpereigene Abwehrsystem wehrlos gegenüber Krankheitserregern zu machen.

Das Team um Jean Pieters von der Universität Basel ist nun eine Entdeckung gelungen, welche genau das nahelegt:

Für eine Studie veränderte das Team transplantierte Mäuse so, dass das Protein Coronin 1, welches eine wichtige Rolle für eine Abstoßungsreaktion spielt, nicht mehr bei den Mäusen produziert wird.

Herausgekommen ist dabei ein erstaunliches Ergebnis. Mitautor Rejesh Jayachandran erklärt: „Wir haben herausgefunden, dass die T-Zellen die Immunreaktion gegenüber dem transplantierten Organ nach Entfernen von Coronin 1 nicht nur massiv unterdrücken, sondern die Abstoßung sogar aktiv verhindern.“

Dennoch bleibt das Immunsystem aktiv. Weitere Experimente offenbarten den Grund hierfür: Coronin 1 greift in den T-Zellen in einen Signalweg ein, der zur Produktion de Botenstoffs cAMP führt.

In Abwesenheit von Coronin 1 steigt die Konzentration des genannten Botenstoffs in den T-Zellen drastisch an, in welcher Folge sich die Zellen so verändern, dass das transplantierte Organ toleriert wird und Viren, Bakterien und Co weiterhin effektiv bekämpft werden.
 

Diese neuen Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich die Immunantwort des Körpers auf ein transplantiertes Organ selektiv abschalten lässt.

Weitere Studien werden zeigen, inwiefern dies möglicherweise neue Türen in der Entwicklung euer Therapiemöglichkeiten im Kampf gegen eine Abstoßungsreaktion öffnet.

Quelle: Pflege News 21.01.2019

 

 

En: gpass Klinik

Viele Menschen sind zur Organspende bereit, doch trotzdem fehlen Transplantate. Mehr Geld für Krankenhäuser soll das Problem verringern.

Von Tin Fischer

DIE ZEIT Nr. 5/2019, 24. Januar 2019

 

Es war seit Jahren die erste Pressemitteilung der Deutschen Stiftung

Organtransplantation (DSO), die wieder das Wort "erfreulich" enthielt: Zwanzig

Prozent mehr Organspender gab es 2018. Doch das überraschende Wachstum,

das die DSO am 11.01.verkündete, ist eher ein gestoppter Sinkflug. Nur 955

verstorbenen Spendern wurden im vergangenen Jahr Organe entnommen – bei

mehr als 9000 Patienten, die auf ein Transplantat warten*. Im Musterland

Spanien werden fast fünfmal so viele Organe gespendet.

Vor dem jüngsten Anstieg der Spenderzahl in Deutschland lag ein lang andauernder Rückgang. Doch paradoxerweise nahm in der gleichen Zeit die Verbreitung von Organspendeausweisen zu: Jeder dritte Bundesbürger trägt heute einen bei sich. Und relativ unverändert geben seit zwanzig Jahren in Umfragen drei von vier Personen an, dass sie einer Organspende grundsätzlich zustimmen würden. Bei so viel Spendenbereitschaft verwundert es, dass Deutschland so weit zurückliegt. Experten verorten den Engpass weniger in der Spendenbereitschaft, sondern eher in den unzureichenden Strukturen der Krankenhäuser. Viele mögliche Spenden würden dort nicht realisiert – vor allem, weil längst nicht all die Organe entnommen werden, die entnommen werden könnten. Es scheint, als hätten viele Krankenhäuser kein großes Interesse an diesem Zweig der Medizin.

Nun diskutierte am vergangenen Donnerstag der Bundestag in erster Lesung Gesetzesänderungen, die den Krankenhäusern die Arbeit erleichtern sollen. Vor allem mit mehr Geld will man es richten. Die 1246 Kliniken in Deutschland, die Organentnahmen durchführen können, sollen etwa mehr Mittel für Transplantationsbeauftragte erhalten. Das sind Mediziner, die auf den Intensivstationen potenzielle Spender identifizieren, Gespräche mit Angehörigen führen und eine Organspende organisieren. Das ist zeitaufwendig und auch teuer. Zudem sollen an mehreren Standorten in ganz Deutschland Bereitschaftsdienste geschaffen werden, die jederzeit in Kliniken den irreversiblen Hirntod feststellen können – eine schwierige Aufgabe, die großer Erfahrung bedarf und Voraussetzung für die Entnahme von Organen ist.

Die gesamte Vergütung für eine Organentnahme könnte verdreifacht werden.

Die Häuser sollen zwar an dieser Arbeit weiterhin nichts verdienen, aber

zumindest nichts mehr drauflegen – bislang waren Organentnahmen für die

Kliniken nämlich ein Minusgeschäft. 34 Millionen Euro jährlich dürften die

Maßnahmen die Krankenkassen zusätzlich kosten, so die Schätzung der Politik.

Aber wird dieser Geldsegen auch die Einstellung in den Krankenhäusern zur

Organentnahme maßgeblich ändern?

Gerade kleine Kliniken könnten mehr Spenderorgane bereitstellen

Das neue Gesetz gehe durchaus in die richtige Richtung, meint Kevin Schulte vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel, Co-Autor der jüngsten Studie zum Thema, die im Juli vergangenen Jahres im Deutschen Ärzteblatt erschien. Die zusätzlich bezahlten Bereitschaftsdienste seien vor allem für kleine Kliniken wichtig, die oft nicht einmal einen einzigen potenziellen Spender pro Jahr hätten und denen deshalb die Routine fehle. Auch die Stärkung der Transplantationsbeauftragten hält er für sinnvoll. "Ungefähr ein Viertel der Organspenden kommt aus den kleinen Kliniken", sagt Schulte, "da liegt wahrscheinlich noch ein großes verstecktes Potenzial." Was ihn stört: Das Gesetz definiert nicht, welche Konsequenzen es hat, wenn Kliniken zu wenige mögliche Spender melden.

Viele Kliniken könnten da künftig in Erklärungsnot geraten. Kevin Schulte fand heraus, dass die Anzahl möglicher Spender in deutschen Krankenhäusern zwischen 2010 und 2015 um etwa 14 Prozent zugenommen hat. Trotzdem wurden in diesem Zeitraum weniger potenzielle Spender bei der koordinierenden DSO gemeldet – und weniger Organe entnommen. Das Fazit der Kieler Forscher: "Der Rückgang der postmortalen Organspenden ist mit einem Erkennungs- und Meldedefizit der Entnahmekrankenhäuser assoziiert." Auf Deutsch: Die Kliniken erkennen potenzielle Spender längst nicht immer oder melden sie nicht. Was Schulte dabei ärgert: "Die Jahresberichte der DSO haben seit Jahren große Unterschiede zwischen verschiedenen Kliniken nahegelegt. Da wundert es schon, dass die Behörden nicht früher tätig geworden sind und auf die Einhaltung des Transplantationsgesetzes gedrängt haben."

Dass den Kliniken viele Spender entgehen, stellte eine detaillierte Untersuchung des Universitätsklinikums Jena fest. Der Anästhesist Martin Brauer ging in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen jedem Todesfall nach, der für eine Spende hätte infrage kommen können. Für solche Analysen haben sich Kliniken früher nicht in die Karten gucken lassen. "Es hat Jahre gedauert, bis das möglich war", sagt Brauer.

 

 

 

 

Ärzte Zeitung online, 17.01.2019

 

Stärkung der Organspende – Sogar Grüne loben den Minister

Klare Verantwortlichkeiten, bessere Refinanzierung: Der Bundestag bewertet ein eher technisches Gesetz, das die Voraussetzungen der Organspende verbessern soll, positiv. Doch die Grundsatzdebatte kommt erst noch.

Von Florian Staeck

BERLIN. Bessere Kooperation und bessere Strukturen bei der Organspende – dieses Vorhaben trifft im Bundestag auf breite Zustimmung. Das wurde am Donnerstag bei der ersten Beratung des Gesetzes für bessere Zusammenarbeit und bessere Strukturen bei der Organspende (GZSO) deutlich.

Die Ärztin und grüne Gesundheitspolitikerin Dr. Kirsten Kappert-Gonther schritt bei der Debatte „zum Äußersten“ und lobte: „Das ist ein gutes Gesetz“. Freilich fordert ihre Fraktion dennoch, den Entwurf an mehreren Punkten nachzujustieren.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bezeichnete die erstmals wieder gestiegenen Organspendezahlen als „gut, aber nicht gut genug“. Demnach wurden im Vorjahr 955 Spender registriert, 2017 waren es 797 gewesen.

Die Koalition will vor allem an vier Punkten ansetzen

  1. Transplantationsbeauftragte: Sie hätten es bisher „schwer, in Krankenhäusern die nötige Aufmerksamkeit zu finden“, so Spahn. Künftig soll es eine bundeseinheitliche Regelung zur Freistellung der Beauftragten von ihren sonstigen Aufgaben geben. Maßstab ist dabei die Zahl der Intensiv- oder Beatmungsbetten in der Klinik. Je zehn Betten sind 0,1 Stellen für den Beauftragten vorgesehen. Klargestellt werden auch ihre Rechte und Pflichten, sagte der CDU-Abgeordnete Lothar Riebsamen. So sollen die Beauftragten per Gesetz ein Zugangsrecht zu Intensivstationen bekommen.

  2. Refinanzierung der Mehrkosten: Das Gesetz soll den Missstand abstellen, dass Krankenhäuser, die einem Patienten Organe entnehmen, finanziell bislang schlechter wegkamen als solche Häuser, die potenzielle Spender erst gar nicht melden. Die Pauschalen, die Kliniken für die Vorbereitung einer Organentnahme bekämen, seien zu undifferenziert, sagte SPD-Fraktionsvize Professor Karl Lauterbach. Das werde das Gesetz ändern.

  3. Konsiliarärztlicher Rufbereitschaftsdienst: Er soll auch für kleine Kliniken sicherstellen, dass ein Neurologe zeitnah zur Verfügung steht. Der Linken-Abgeordnete Harald Weinberg verwies darauf, dass von 1300 Entnahmekrankenhäusern mehr als 1000 nicht über eine Neurochirurgie verfügen. Der Neurologe soll Kollegen bei der Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls zur Seite stehen. Die Grünen-Politikerin Kappert-Gonther forderte, dass auch die PKV anders als bisher vorgesehen für die Finanzierung dieses Dienstes herangezogen wird.

  4. Betreuung von Angehörigen: Organempfänger sollen die Möglichkeit erhalten, sich in Form anonymisierter Schreiben bei den Angehörigen des Spenders zu bedanken.

Nur wenige Abgeordnete verknüpften die Debatte mit der Kontroverse um eine Widerspruchslösung. Spahn und Lauterbach gehören zu den Befürwortern einer entsprechenden interfraktionellen Initiative. Dagegen hat sich eine Abgeordnetengruppe formiert, die an der erweiterten Zustimmungslösung festhalten will.

Nach einer sogenannten Orientierungsdebatte im vergangenen November werben beide Gruppen im Parlament um Unterstützer für ihre Position.

Die Linken-Politikerin Kathrin Vogler zeigte sich überzeugt, nach der Verbesserung der Prozesse in den Entnahmekliniken und einer besseren Finanzierung der Organspende müsse die „ethisch sensible und moralisch heikle Frage der Widerspruchslösung nicht weiter verfolgt werden“. Spahn solle den Gesetzgebungsprozess nicht mit dieser Streitfrage belasten, forderte sie.

Organspendegesetz

» Das Gesetz zur Verbesserung der Zusammenarbeit und der Strukturen bei der Organspende (GZSO) soll Mitte März im Bundestag abschließend beraten und verabschiedet werden.

» Der Bundesrat hat im Dezember keine Einwände gegen die Vorlage erhoben. Das Inkrafttreten ist schon für den 1. April geplant.

 

 

Westfalen Blatt 16.01.2019

 

Hemmnisse bei der Organspende

 

Fehlen einer Hirntod-Diagnose verhindert Entnahme – Kliniken sollen Problem

lösen

Düsseldorf (WB/hir). Warum werden in NRW so wenige Organe gespendet? Oftmals ist

eine fehlende Hirntod-Diagnose der Grund, wie ein Bericht von NRW

Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) aufzeigt. Meist wurde bislang eine

fehlende persönliche Erklärung als Grund dafür genannt, dass die Organspenden im

NRW von 2009 bis 2017 um 43 Prozent von 259 auf 146 Spender gesunken sind. Doch

tatsächlich gibt es weitere Hemmnisse. So erklären Patienten in ihrer Verfügung oder

später oft auch die Angehörigen, dass sie im Falle einer Krankheit mit absehbarer

Todesfolge keine lebensverlängernde Behandlung wünschen. Als Konsequenz werden

Geräte zum Erhalt der Herz-Kreislauffunktion früher abgeschaltet, die aber für die

Diagnose des Hirntods als Voraussetzung für eine Organentnahme notwendig wären.

Laumann hatte als Reaktion auf die sinkenden Zahlen 18 Kliniken mit einer

neurochirurgischen oder neurologischen Station besucht, da dort häufiger als anderswo

Patienten auch infolge eines Hirntods sterben können. Die Gespräche führte er unter

anderem im Evangelischen Krankenhaus Bielefeld und dem Johannes-Wesling-Klinikum

in Minden. Dabei erfuhr er, dass die rechtzeitige Feststellung des Hirntods bei einem

Patienten auch daran scheitert, dass ein vom Gesetz als Bestätigung geforderter zweiter

Spezialist nicht verfügbar ist. Ohnehin fehle in Kliniken Personal für Hirntod-Diagnose

und Organspende. Deshalb lehnen Kliniken mit neurologischen Abteilungen die

Aufnahme eines Patienten nur zur Organentnahme ab. »Wir brauchen eine frühzeitige

Identifizierung potenzieller Organspenden in den Kliniken: Da ist sicherlich noch Luft

nach oben«, sagte Laumann dieser Zeitung. Zugleich erkannte er an, dass die

Gespräche Wirkung zeigen: »Die Krankenhäuser bemühen sich nun wie

der aktiv um Lösungen.« Das zeige sich in den 2018 auf 163 gestiegenen

Spenderzahlen. Zu den Lösungsvorschlägen der Kliniken zählt ein einheitliches Muster

der Patientenverfügung mit einem Passus zur Organspende. Intern wollen Kliniken die

Aufgaben der Transplantationsbeauftragten auf Teams übertragen und so die

Sensibilität für Organspende auf den Stationen erhöhen. Wenn Angehörige eine

Therapiebegrenzung wünschen, solle künftig die Organspende angesprochen werden.

Kliniken ohne Neurologie will die Deutsche Stiftung Organtransplantation Ärzte zur

Hirntod-Diagnose vermitteln.

 

 

 

Westfalen Blatt 14.01.2019

 

Arzt fordert bessere Reha

Chirurg: Transplantierte sollten in spezialisierte Kliniken

Versmold (WB/ca). Das Schicksal des Versmolders, der nach einer

Nierentransplantation in einer Rehaklinik nicht richtig betreut worden war, ist nach

Ansicht eines Experten kein Einzelfall. Prof. Richard Viebahn ist Direktor der

Chirurgie an der Uniklinik Bochum. Mit jährlich 60 Nierentransplantationen und bis

zu 30 kombinierten Nieren-Bauchspeicheldrüsen-Transplantationen ist sie

europaweit führend. Viebahn: »Ich versuche seit Jahren, bei Krankenkassen und

Rentenversicherungen zu erreichen, dass unsere Transplantierten in bestimmte

Kliniken kommen.« Eine Rehaklinik in Mecklenburg-Vorpommern und eine in

Bayern seien spezialisiert, Nierentransplantierte auf ihr Leben mit dem neuen

Organ einzustellen. »Man muss sensibel werden für Signale seines Körpers und

sie bewerten können.« Sein Vorstoß bei den Kassen sei aber bisher ins Leere

gelaufen, sagt der Chirurg. Der Versmolder, der in Bochum transplantiert worden

war, hatte bei der Rentenversicherung beantragt, in eine der beiden Kliniken zu

kommen. »Stattdessen haben sie mich nach Bad Salzuflen geschickt«, sagt der

57-Jährige. Wie berichtet, war nach Ansicht des Oberlandesgerichts Hamm in der

Rehaklinik der Medikamentenspiegel des Patienten nicht richtig kontrolliert

worden. Der Körper stieß die Bauchspeicheldrüse ab, die neue Niere wurde

schwer geschädigt. Jetzt muss der Frührentner wieder zur Dialyse. Prof. Viebahn:

»Eigentlich müsste eine optimale Reha im Interesse der Kassen sein, damit es

möglichst nicht zu solchen Folgen kommt.« Eine Sprecherin des NRW-Herzund

Diabeteszentrum sagte, Herztransplantierten werde die Gollwitzer-Meier-Klinik in

Bad Oeynhausen zur Reha empfohlen. »Dann ist im Ernstfall der Weg zu uns auch

nicht so weit.«